Stuttgart, im Januar

Das Libretto ist, wie man weiß, das Sorgenkind des Opernkomponisten. Daß nicht jeder Strauß seinen Hofmannsthal, nicht jeder große Komponist einen veritablen Dichter zum Librettisten gehabt hat, verschlägt nicht viel. Denn solche Verbindungen sind nur selten glücklich. Die beste ist immer die, wenn der Textmacher sich bescheidet und nur auf die musikalische Verwendungsfähigkeit hinarbeitet. Denn darauf kommt es an, und das erst ermöglicht es dem Musiker, sich (auch vom schlechten Wort) inspirieren zu lassen. Die Begegnung Carl Maria von Webers mit der süßlichen Helmine von Chezv. die ihm das Textbuch zu seiner "Euryanthe" lieferte, kann daher nicht als unglücklich angesehen werden. Sie ermöglichte ihm nach dem "Freischütz" ein zweites Hauptwerk, über dessen musikalischen Wert, über seine Stellung in der Musikgeschichte, hier nichts zu sagen ist. Aber "Euryanthe" ist dennoch der überzeugende Beweis dafür, daß ein schlechtes Libretto imstande ist, den Erfolg einer musikalisch wertvollen Oper zu beeinträchtigen.

Die Chezy griff mit ihrem Stoff auf eine altfranzösische Erzählung zurück, die schon für eine Novelle des Boccaccio und für Shakespeares "Cymbeline" die Quelle war: "Geschichte des Gerard von Nevers und der schönen und tugendhaften Euryanthe." Bei der Chezy geht es darum, ob Euryanthe ihrem Geliebten treu bleibt oder nicht. Sie bleibt es, aber zunächst spricht der Schein gegen sie. Der Verführer entreißt ihr ein Geheimnis (mit Hilfe einer verräterischen Vertrauten der Euryanthe), aber zuletzt stellt sich ihre Unschuld heraus, der (baritonale) Bösewicht und die treulose Freundin werden gerichtet, die unglücklichen Liebenden wieder glücklich vereint. Das Geheimnis ist ein Ring, aus dem die Schwägerin Emma, die als Geist umgeht, Gift getrunken hat. Man stelle sich nun des Geistes Emma Worte vor einem heutigen Publikum vor:

"Getrennt von Udo irr ich durch die Nächte!

O weint um mich! Nicht eh’ kann Ruh’ mir werden,

Bis diesen Ring, aus dem ich Tod getrunken,

Der Unschuld Träne netzt im höchsten Leid