In den öffentlichen Verhältnissen ist es jetzt beinah lächerlich geworden, auf irgend etwas zu rechnen, was man nicht durch das Übergewicht der Waffen zu erlangen oder zu verteidigen vermag. Dies ist nicht die Stimmung, die den Frieden unter den Menschen begünstigt."

Man könnte diese Worte des Freiherrn Friedrich von Gentz, der von sich behaupten durfte, "kein Mensch auf Erden weiß von der Zeitgeschichte, was ich davon weiß", auch auf unsere Gegenwart anwenden, nun, da wir am 25. Januar wiederum vor der Entscheidung Frieden oder Fortsetzung des kalten Krieges stehen. Und wenn derselbe Gentz, nachdem er allen Konferenzen und Kongressen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an prominenter Stelle beigewohnt hatte, meinte "ich habe den Eindruck, daß kein Mensch je in allen Stücken recht hat", so dürfen wir das bei einem Mann seines geistigen Formats nicht etwa als banale Daseinsmaxime deuten, sondern schließen, daß sich seit den Tagen des Wiener Kongresses in der Politik kaum etwas gewandelt hat. Hoffen wir, daß Berlin uns eines Besseren belehrt.

Es liegt nahe, angesichts der kommenden Ereignisse diesen großen, politischen Publizisten des 19. Jahrhunderts zu zitieren, der als Schüler Kants und späterer, maßgeblicher Akteur auf der europäischen Bühne, die ja damals die Weltbühne war, einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet hat, indem er den berühmt gewordenen Essay schrieb Über den ewigen Frieden. Wir finden ihn abgedruckt in dem umfangreichen Werk des Münsterer Universitätsprofessors Kurt von Raumer das unter dem Titel Ewiger Friede (im Verlag Karl Alber, Freiburg-München) die geistigen Grundlagen früherer, kongenialer Bewegungen und ihrer Initiatoren von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert hinein eingehend behandelt. Solches Erinnern an die Mahnrufe bedeutender Denker, die von der gleichen Sehnsucht nach Frieden erfüllt waren wie wir Heutigen, ist verdienstlich und zeitgemäß; im gleichen Maße, ob es sich dabei um Dokumente religiöser Natur oder des Humanismus handelt, um solche der Aufklärung oder eines späteren, neuzeitlichen Wirtschaftsdenkens. Maßgeblich bleibt allein das Bestreben, dem reinen Machtprinzip entgegen zu wirken durch die Verkündung einer friedlichen Ordnung der Menschheit.

Immer wieder klingt in dem Buch das Bestreben auf, den Leser von dem vielfach verbreiteten Irrtum abzubringen, daß etwa seine Zeit allein eine in Unordnung geratene sei, während frühere Jahrhunderte politisch wie soziologisch alle Vorteile eines friedfertigen Daseins genossen hätten. Deshalb wagt Raumer in den Kapiteln des ersten Teils mit gewissenhaftester Sorgfalt in Form meisterhafter, historischer und philosophischer Studien das Gegenüber von Mensch und Staat ab als das maßgebliche Phänomen eines geistigen Raumes Europas, der ebenfalls nur unter Schmerzen und Leiden aus dem christlichen Mittelalter heraus entstehen konnte. Er beschränkt-sich auf die zwischen bedingungslosem Glauben und moderner Weltanschauung als Grenzen vorgezeichnete Sphäre, welche im Sinne seines Themas mit Erasmus von Rotterdam und Sebastian Franck beginnt und mit Kant, Herder, Fr. Schlegel, Novalis, Jean Paul und Friedrich Gentz endet. Dazwischen rangieren andere Vertreter des Friedensgedankens, deren Persönlichkeit ebenfalls in einer Weise analysiert und aufgezeigt wird, daß siq gewissermaßen im Vordergrund eines dreidimensionalen Zeitgemäldes erscheinen, in dem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in allen ihren Auswirkungen und Aspekten sichtbar werden. Die Fülle der zutage tretenden Gesichtspunkte religiösen, politischen, weltanschaulichen Charakters mutet dabei fast enzyklopädisch an, wennschon der Gedanke des ewigen Friedens stets Mittel- und Ausgangspunkt aller Betrachtungen bleibt.

Derart vorbereitet, kann sich der Leser mit Genuß in die Lektüre der Texte selbst vertiefen, welche ungekürzt "die großen, unverwechselbaren Zeugen für den mächtigen Strom des abendländischen Friedensdenkens zum Sprechen bringen": Erasmus von Rotterdams "Klage des Friedens, der bei allen Völkern verworfen und niedergeschlagen wurde" (1517) und Sebastian Francks "Kriegbüchlein des Friedens" (1539), William Penns "Essay zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden" (1693) und Rousseaus "Urteil über den Ewigen Frieden" ... Daß der "Ewige Friede" eine Utopie blieb und bleiben wird, schmälert nicht seine Souveränität in den Köpfen aller, die ihm ihr Leben weihen. Erst wenn der Gedanke endgültig erlischt, wenn Politik ohne Ethos nur um der Politik willen die Kongresse beherrscht, erst dann wird auch das Wort derer aufhören, die während der vergangenen Jahrhunderte ihre Stimme erhoben zum Wohle der Menschheit. "Daß jede Generation, unter ihren besonderen Aufgaben und Bedingungen, unabhängig vom Grad des Gelingens, um die hier gestellte Aufgabe immer wieder ringen muß, und daß sie insbesondere den Kampf, wo er ihr unentrinnbar wird, nie zu einer Verherrlichung der Macht mißdeuten darf, dafür haben Erasmus und Sebastian Franck, Sully und Crucé, Saint-Pierre und Rousseau, William Penn und Bentham, Kant und Gentz nicht umsonst gelebt und geschrieben", sagt Kurt von Raumer.

Daß sowohl Immanuel Kant wie Friedrich Gentz, die beide wohl am eindringlichsten ihre Stimme erhoben haben zur Theorie des ewigen Friedens, Preußen waren, entbehrt in unseren Tagen nicht einer gewissen Pikanterie, die vielleicht schlecht ins Konzept derer paßt, die am 25. Januar in Berlin über unser Schicksal verhandeln... Heinz Hell