Wir hörten:

Auf einer Party ging neulich das Gespräch um das Funkprogramm, und ein Funkexperte, der zugegen war, hatte einen schweren Stand im Kreise der anspruchsvollen Hörer, die sich über eine "tägliche Inflation mit banalen Sendungen" beschwerten. Er wies auf die gehaltvollen Abendprogramme hin und nannte als Beispiel das allmontagliche Symphoniekonzert. Er drang nicht durch. "Ja, ich weiß", sagte eine Dame, die für ihren spöttischen Witz bekannt war, "der Montag ist der Waschtag für klassische Musik". – Ein schnödes und ungerechtes Urteil. Kein Kenner wird es unterschreiben. Aber ihr Vergleich ("Waschtag") sollte doch zu denken geben; man kennt ja auch das Wort von der "akustischen Wasserleitung", das auf die "Berieselung der Hörer" mit Unterhaltungsmusik trivialster Art gemünzt ist. Ein Beispiel für die Verteilung im Programm –: Über die Mittelwellensender der größten deutschen Funkanstalt wurde an einem Tage der letzten Woche ein Programm von 18 1/2 Stunden ausgestrahlt. Davon entfielen: auf Nachrichten und ähnliches 3 Stunden 50 Minuten, auf den Schulfunk 3 Stunden, auf Hörspiel, künstlerisch wertvolle Musik, Kommentare und Erörterungen (also auf das, was der anspruchsvolle Hörer aufmerksam verfolgt) insgesamt 4 Stunden 45 Minuten, auf die "akustische Wasserleitung" dagegen nicht weniger als 6 Stunden 20 Minuten (dabei ist ein Querschnitt durch Berliner Kabaretts, 35 Minuten, nicht mitgerechnet). Das mag ein Spitzentag der "Berieselungs"techniker gewesen sein und soll nicht als Durchschnitt bezeichnet werden. Aber auch wenn dieser ein wenig niedriger liegt – warum so viel Musik, auf die, wenn überhaupt, doch nur mit halbem Ohr hingehört wird und die dem empfindlichen Hörer ein Greuel ist, nicht immer wegen der Kompositionen, sondern allzuoft auch wegen der öden Routine, mit der sie dargeboten werden? Nichts gegen Werke, wie "Ich hab zu Haus die Hosen an" oder "Jodeln kann ich nur, wenn ich verliebt bin", denn auch solche Kleinigkeiten können adrett dargeboten werden. Aber eins müßte doch wohl goldene Regel sein: Jede Bagatelle, jeden Schlager, jedes Salonstück nur in solchen Aufnahmen zu bringen, die vor den gleichen Maßstäben bestehen können, an denen man auch die Aufführungen sogenannter "ernster" Musik mißt. Die Folge könnte sein, daß dann gerade auch der anspruchsvolle Hörer einmal mit dem anderen halben Ohr hinhört und sein Vergnügen hat...

Wir werden hören:

Donnerstag, 21. Januar, 19.45 vom NWDR:

Die Düsseldorfer "Welturaufführung" von Thomas Wolfes einzigem, in vielen Partien gegen die Bühne geschriebenem Drama "Das Herrenhaus" brauchte für diese Partien die Mitwirkung des Funks in Bandaufnahmen, die zwischen die Szenen eingeblendet waren. Nun geht Gustaf Gründgens mit seinem Ensemble vor das Mikrophon und läßt, selbst in der Hauptrolle des Generals Ramsay, das ganze gedankenschwere Werk als zweistündiges Hörspiel sprechen.

21.00 aus Frankfurt: Das Violinkonzert von Strawinskij (mit Tibor Varga als Solist) und die Kammersinfonie von Arnold Schönberg – zwei polare Gegensätze innerhalb der modernen Musik.

Freitag, 22. Januar, 20.40 aus München: