Wer glücklicher Besitzer eines nicht gar zu kindlichen Fernrohres ist, kann vielleicht am 21. Januar, gleich nach Sonnenuntergang, einen bisher noch nicht bekannten Kometen sehen, wenn er sein Instrument auf die Mitte des Sternbildes Steinbock richtet und tief unter ihm, nahe dem Horizont, die einstmals gefürchtete Himmelserscheinung sucht. Allerdings steht der Komet für eine Beobachtung recht ungünstig, und alles spricht dafür, daß er dem bloßen Auge unsichtbar bleiben wird. Bei der relativen Häufigkeit von Kometen in Sonnennähe – es mögen etwa fünf in jedem Jahre sein – können wir unsere astronomische Neugierde, wenn es sein muß, bis zum Auftauchen des nächsten bezähmen und inzwischen ein wenig Umschau halten, wann und durch wen sie eigentlich zu ihrem unverdienten, schlechten Ruf gekommen sind.

Alles unerwartet Erscheinende und zugleich Unerklärliche weckte im Menschen früher Zeiten und weckt heute noch bei den sogenannten Primitiven Furcht und Schrecken. Zumal Warna die Bedrohung aus überirdischer Sphäre kam wie Blitz und Donner, wie Meteorfall und Kometen. Und da der Mensch die ihm begegnenden Gewalten wie alles, was ihn umgab, als beseelt sich vorstellte, wurden auch die Kometen zu vogelartigen Ungeheuern und geflügelten Drachen. Auf einer schon späteren Stufe, deren Dauer durch Jahrtausende bis in die Neuzeit reicht, galten Kometen als Boten und Herolde eines zürnenden Gottes, Unheil kündend oder bringend. Noch in frommen Kometentraktätchen des vergangenen Jahrhunderts wird der Komet ein harter Bote und himmelsköniglicher Ambassadeur genannt. Andere sahen in ihm einen Teufel oder Hexenmeister.

Daß die Kometen ein am Himmel von den Göttern entzündetes und in Erdennähe allmählich verlöschendes Feuer seien und als Wetterkünder zu gelten hätten, lehrte im Altertum der große Aristoteles, dessen Autorität durch das ganze Mittelalter ihr unumstößliches Gewicht bewahrte und im Volksglauben bis in die jüngste Vergangenheit fortlebte. Nach dem Kronzeugen Aristoteles war es auch Plinius in seiner "Naturgeschichte", für den das Erscheinen von Kometen kommende Unheil der verschiedensten Art bedeutete: Hitze und Sturm, Kälte und Erdbeben. Aus orientalischen Quellen stammte die seltsame Erklärung des Zusammenhangs von Komet und Wetterkatastrophe: bei ihrem Erlöschen entströmt den Kometen ein stinkender Dampf, der zur Erde niederwallt, die Luft vergiftet und die Ursache von Pest und rötlichen Krankheiten wird. Noch 1665 schrieb Serlin in seiner "Cometologia", daß er aus der saturnischen und merkurialischen Farbe der Kometen den Schluß ziehe, eine pestilenzialische Luft werde auf Erden die Folge sein, da "Saturnus will der Totengräber und Mercurius will der Vergifter werden, wie nemlich auf vorausgehenden Comet und von ihm herrührendes Nebel eine ganze Stadt vor denklichen Jahren an der Pest ausgestorben". Die giftigen Dämpfe der Kometen, deren Hauptbestandteil Schwefel ist, erklärt Parazelsus in dem Buch Meteora drastisch: "denn dieselben Wetter sind der Sterne purgatzen". Plinius hatte die Übeltaten der Kometen für unabwendbar gehalten; die christliche Kirche dachte anders darüber: der außerordentlich helle Komet von 1456 – vielleicht war es der Halleysche Komet – wurde von Papst Callixtus Hl. in den Bann getan und das Gebot erlassen, zu seiner Abwehr die Mittagsglocken zu lauten. Daß es aber um die Mitte des 16. Jahrhunderts auch schon Gelehrte gab, die sich gegenüber den Kometen einen nüchtern realistischen Sinn bewahrten, beweisen die Worte eines gewissen Thomas Erastus: "Wollte Gott, daß die Kriege keine andere Ursache, als die durch die Wirkung der Cometen aufgereizte Galle der Machthaber hätten! Ein einziger geschickter Arzt könnte mit einer kleinen Dosis Rhabarber oder Rosen-Syrup das Glück des Friedens wiederherstellen." Die klugen Worte des Erastus zitiert der Wiener Astronom C. L. Littrow in seinem Büchlein "Beyträge zu einer Monographie des Halleyschen Cometen" (Wien 1834).

Es war schon hellenistischer Wunderglaube, daß bei der Geburt von Königen oder von Männern, die von den Göttern die Berufung zu Großem empfangen hatten, ein neuer Stern oder ein Komet erschiene. So soll um die Zeit der Geburt des Königs Mithridates von Pontus sechzig Tage lang ein Kozeit sichtbar gewesen sein... In der römischen Kaiserzeit wandelte sich die Bedeutung der Kometen und sie wurden zu Todesboten der Cäsaren: ob es sich um den Tod des Augustus, Claudius und Nero oder um Vitellius und Vespasian handelt – jedesmal berichten die Vitae von dem wunderbaren Zusammentreffen des irdischen Ereignisses mit der Erscheinung am gestirnten Himmel. Der Brauch dieser Glorifizierung machte durch lange Jahrhunderte Schule und kam allen möglichen Würdenträgern weltlicher und geistlicher Macht zugute. Als einem der letzten wurde Napoleon die astrale Ehre erwiesen. Der Komet blieb – abgesehen von seinen sonstigen finsteren Taten – ein Reservat der Großen dieser Welt. Und Calpurnia hatte recht, wenn Shakespeare sie im Julius Cäsar sagen läßt: "Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben."

E. A. Greeven