Dicker Staub wirbelt im Bundesarbeitsministerium auf. Ursache: Die Akten Ladenzeitgesetz werden, weil dringend verlangt, saubergefegt. Doch der Staub liegt zum Glück nur obenauf. Die in den Akten festgehaltenen Forderungen, Vorschläge und Entwürfe sind trotz ihrer langjährigen bekömmlichen Ruhe nicht unaktuell geworden. Es ist alles noch so, wie es damals war, vor zwei, drei und mehr Jahren, nichts hat sich geändert, nicht einmal die Argumente. Nur der Kampfruf – nach dem Gesetz – hat sich in jüngster Zeit erheblich verstärkt. Ob allerdings mit Aussichten auf einen besseren Erfolg als bisher, bleibt abzuwarten. Aber man fordert eine Entscheidung, so oder so, die "kaiserlose, die schreckliche Zeit" müsse endlich ein Ende nehmen...

Der Bundesarbeitsminister war – wie übrigens viele andere – noch kurz vor Jahresende der Ansicht, daß keine dringende Notwendigkeit für ein Ladenzeitgesetz bestehe. Seine Begründung: Zu viele divergierende Meinungen, und im übrigen solle jeder entsprechend den Spielregeln der freien Marktwirtschaft nach seiner Façon selig werden. Schließlich machte der Bundesarbeitsminister eine elegante Kehrtwendung, zog einen Gesetzentwurf aus der Schublade und brachte mit einer keineswegs neuen Zauberformel die erregten Gemüter zur Ruhe. Aber es war nur die Ruhe vor einem neuen Sturm, einem Sturm, der sich erst legen wird, wenn ein Gesetz – ganz gleich, in welcher Form – durchgebracht oder... eine neue Staubschicht auf die Akten gefallen ist.

Was lange währt, wird endlich gut, meinen die Einzelhändler, und es wird endlich durch das Gesetz bestimmt werden, daß alle Geschäfte, freiwillig oder unfreiwillig, an einem halben Werktag geschlossen bleiben. Am Sonnabendnachmittag, am Mittwoch, wie es der Bundesarbeitsminister in seinem Entwurf vorschlägt, zu irgendeiner anderen Zeit oder ganz nach freiem Ermessen (wessen?) – über diese Frage wird es noch hitzige Auseinandersetzungen geben.

Die Gewerkschaften wollen den Angestellten des Einzelhandels ein frühes Wochenende verschaffen, damit sie den in der Industrie und anderen Betrieben Beschäftigten gegenüber nicht benachteiligt sind. Der Verbraucher jedoch ist lediglich daran interessiert, daß er Gelegenheit hat, einzukaufen, wann es ihm beliebt und am besten paßt, nach Möglichkeit also auch am Sonnabendnachmittag, und zwar nicht aus reiner Bequemlichkeit, sondern aus praktischen Gründen. Aber auch innerhalb dieser drei Gruppen gibt es keine einheitliche und klare Weichenstellung, am meisten noch wohl bei den Verbrauchern, am wenigsten offenbar bei den Einzelhändlern.

Das Ladenzeitgesetz wird für die Bundestagsausschüsse eine harte Nuß werden, für das Plenum ein ausgesprochener Zankapfel und für viele, die jetzt laut nach dem Gesetz schreien, eine saure Zitrone, die darum nicht süßer wird, weil sie aus eigener Züchtung stammt. -sk