Diesen Bericht über die Verhältnisse in dem von den Sowjetrussen und Polen annektierten Ostpreußen begannen wir in der vorigen Ausgabe der ZEIT mit einem Überblick über die Bevölkerungs- und Wirtschaftslage in dem von den Sowjets besetzten nördlichen Teil des Landes. Die Rote Armee baute ihn zu einem großen Militärstützpunkt aus. Wir schlossen mit der Schilderung der Zustände in Königsberg und Pillau. Die heutige Fortsetzung enthält eine Darstellung des kulturellen Lebens in Königsberg und eine Schilderung der Lage in den einzelnen Landkreisen des nördlichen Teils der Provinz.

Die Binnenschiffahrt in Königsberg hat fast wieder den Vorkriegsstand von 600 000 t jährlich in der Ankunft erreicht. Für den Schiffsverkehr der Seeschiffahrt liegen nur Schätzungen vor. 1936 kamen in Königsberg jährlich 4129 Schiffe mit 1,7 Millionen Registertonnen netto an, also im Durchschnitt 344 jeden Monat. Gegenwärtig sollen den Hafen monatlich nicht mehr als 80 Seeschiffe anlaufen. Beim Güterverkehr über See sieht es etwas anders aus: 1936 kamen in Königsberg 778 000 t zum Versand und 3,8 Mill. t wurden empfangen. Im vorigen Jahr sollen nach der Schätzung informierter Fachleute etwa 600 000 t Versand, aber nur 150 000 t Empfang getätigt worden sein. Das würde damit übereinstimmen, daß die Zahl der abgehenden Seeschiffe monatlich über 100 betragen soll. 1936 waren es 1614 Schiffe mit einer halben Million Registertonnen netto. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Viele Schiffe kommen leer oder mit Soldaten und Kriegsmaterial an. Die abgehenden Schiffe jedoch nehmen immer Landeserzeugnisse mit. Der Bedarf der Zivilbevölkerung ist zwar groß, wird aber bisher, wie überall in der UdSSR, nur in unzureichendem Maße befriedigt. Zudem ist die Bevölkerungszahl gegenüber früher stark gesunken. Die Versorgung der hier stationierten Truppen wird nicht nur aus dem Lande vorgenommen. Man zieht dazu auch die Polen heran. So stehen den Sowjets trotz geringer Erzeugung viele Waren zur Verfügung. Man will aus Ostpreußen möglichst viel herausholen und nur in den Königsberger Fabriken etwas investieren. Für sie dürften auch beträchtliche Mengen der auf 150 000 t Empfang geschätzten Einfuhren bestimmt sein, bei denen es sich hauptsächlich um Rohstoffe handelt.

Gelenkt und beobachtet

Ein kulturelles Leben gibt es in Königsberg nicht mehr – wenn man dazu nicht die Truppenbetreuung rechnen will. Ein sogenanntes Kulturensemble – aus den russischen Arbeitern der früheren Schichau-Werft gebildet – bestreitet die meisten Aufführungen. Gastspiele innerrussischer Orchester, Theater und Balletts finden in der Hauptsache nur für Offiziere und Funktionäre statt, da diese Ensembles nie länger als einen Tag in Königsberg bleiben. Die bekannte Oper steht nicht mehr. Auch der Dom und das Schloß wurden zerstört. Die Gruft Immanuel Kants unter dem Dom wurde zugemauert. Niemand weiß, ob sich die sterblichen Überreste des Philosophen, der von 1724–1804 in Königsberg lebte, noch dort befinden. Die Gerüchte, daß Plünderer in die Gruft eingedrungen seien, wurden bisher nicht bestätigt. Auch Kants Arbeitsstätte, die 1544 gegründete Albertus-Universität mit ihren sechs Fakultäten, über 75 Seminaren und verschiedenen Hochschulinstituten ist dahin.

Mit den anderen kulturellen Einrichtungen steht es nicht besser. Das Staatliche Meisteratelier und das Museum für die Bildenden Künste, das Kunstgewerbemuseum und die Landschafts- und Heimatmuseen sind ebenso verschwunden wie die Handelshochschule. Gegenwärtig existiert nur eine Arbeiterhochschule, die von einigen hundert Werktätigen in Abendkursen besucht wird. Früher zählte die Königsberger Volkshochschule 3500 Teilnehmer und 35 Dozenten. Die übrigen leicht zerstörten Schulen hat man gleich nach Eröffnung zu Halbinternaten gemacht, um möglichst viele Schüler ständig beobachten zu können. Von den sonstigen schulischen Einrichtungen besteht auch nicht eine mehr.

Anstatt der früheren fünf öffentlichen Bibliotheken mit über 900 000 Bänden gibt es heute nur eine mit der üblichen kommunistischen Literatur. Vergebens würde man auch das Königsberger Staats- und das Stadt-Archiv mit den Urkunden des Deutschen Ritterordens suchen. Man will es heute nicht mehr wahrhaben, daß die Burg von Königsberg bereits 1225 von diesem Orden erbaut und 1457 zum Sitz des Hochmeisters wurde. Nichts mehr davon, daß Königsberg Mitglied der Hanse war und daß Ostpreußen 1878 zu einer selbständigen deutschen Provinz erhoben wurde. (Vom 13. Jahrhundert bis 1525 war Ostpreußen unter dem Namen Preußen geistliches Fürstentum des Deutschherren-Ordens. 1525 wurde es weltliches Herzogtum unter den Hohenzollern. 1618 kam es an die in Brandenburg regierende Linie der Hohenzollern. 1701, als die Hohenzollern den preußischen Königstitel abnahmen, erhielt das Land den Namen Altpreußen. Seit 1772 heißt es Ostpreußen.)

Was ist an kulturellen Einrichtungen geblieben? Einige Kinos, die nicht aus Interesse, sondern aus Langerweile aufgesucht werden. Dann ein als Wanderbühne durch das Land ziehendes politisches Kabarett und ein wöchentlich stattfindender Vorleseabend für "avantgardistische Arbeiterdichter". Die Kultura spielt sich innerhalb der Betriebe, in den Organisationen und Hausgemeinschaften ab. Nur dort kann man die Leute alle erfassen. Zu viele Kulturstätten für die Allgemeinheit, deren Besuch in das Ermessen des einzelnen gestellt würde, kann man sich schon aus Rentabilitätsgründen nicht leisten, da nur wenige freiwillig kommen würden. In den kleinen Kreisen des täglichen Lebens jedoch hat man auf jeden Einfluß.