Im Staate Bombay weht die Fahne der Prohibition – Geschäftsgeist und Meditation

Von Marion Gräfin Dönhoff

Die ZEIT hat ihr Redaktionsmitglied Dr. Marion Gräfin Dönhoff auf eine fernöstliche Reise gesandt, da diese Gebiete mehr und mehr in der Weltpolitik ihre eigene Rolle spielen. Hier ihr erster Bericht aus Indien, dem weitere folgen werden.

Bombay Jinuar 1954

Haben Sie ein Permit?" Als die Frage in Bombay zum ersten Male an mich gerichtet wurde, fuhr ich erschrocken zusammen, geängstigt von der Vorstellung, es sei ein Dokument, das ich entweder schon verloren oder nie besessen hätte. – "Ein Permit – wofür?" fragte ich bangen Herzens. – "Für Alkohol." Verblüfft, wie ich war, erweckte das Wort "Alkohol" in mir die Assoziation gesundheitlicher Besorgnis (wahrscheinlich, weil mir das Klima sehr zusetzte), und vor meinem geistigen Auge erschien der Doktor, der mir in Hamburg alle möglichen Spritzen verpaßt und darüber Zertifikate ausgestellt hatte. All diese Zeugnisse besaß ich noch; also bejahte ich die Frage.

Mein indischer Gastgeber, offenbar beruhigt, hieß mich in seinen Wagen steigen, und wir fuhren weite Boulevards entlang, vorbei an monumentalen Banken und Geschäftshäusern, und ich sah, daß Bombay wirklich eine Weltstadt ist, zusammen mit Kalkutta die Hochburg des indischen Kapitalismus. Riesige Vermögen gibt es in dieser Stadt, die dreieinhalb Millionen Einwohner hat und so ausgedehnt ist, daß man meint, nie ans Ende zu kommen.

Wir hingegen erreichten bald unser Ziel: ein elegantes Nachtlokal. Hier nun stellte sich – kaum hatten wir den ersten Drink erbeten und sollten dafür ein Permit vorlegen – zum ungewöhnlich großen Entsetzen meines Partners heraus, daß ich das verlangte Dokument gar nicht besaß und mich daher zu Unrecht an diesem Ort befand. Im Staate Bombay herrscht nämlich, im Gegensatz zu fast allen anderen indischen Staaten, Prohibition. Häufig erscheint die Polizei an den zwei oder drei Orten, die Alkohol ausschenken dürfen, und verhaftet rücksichtslos jeden, der sich "unbefugt" dort aufhält. Sogar Haussuchungen werden durchgeführt, und es kann passieren, daß der Hausherr in den eigenen vier Wänden verhaftet wird, weil er seinen Gästen einen Drink vorgesetzt hat. Als ich dies hörte, sann ich auf Flucht aus dem Nachtlokal. Da fügte es das Schicksal, daß ich mich für den Rest des Abends in Yvettes Calbere verwandeln konnte: eine Kabarettistin, die eben nach Hause ging und bereit war, mir ihr Permit zu leihen.