Idi habe alle die großen internationalen Staatsmänner des Jahrhunderts an der Arbeit gesehen ..., aber ich habe niemals ein diplomatisches Können von solcher Perfektion erlebt wie das Molotows ..." So äußert sich in seinem Buch War or Peace der amerikanische Außenminister Dulles. Ähnliches, nur journalistischer, wie es seiner Natur entspricht, sagt Churchill. Andere Politiker sehen skeptischer auf Molotow. Trotzki sagte einmal wütend zu ihm: "Sie sind die Inkarnation der Mittelmäßigkeit!" Vielleicht ist das seine Stärke. Die Genies der kommunistischen Revolution von 1917 sind längst liquidiert, er aber lebt.

Molotow lebt nicht nur, er ist Nr. 2 im Kreml – Time nannte ihn unlängst "den geborenen zweiten Mann" – und er ist Außenminister der Sowjetunion. Manche bezweifeln, daß er die sowjetische Außenpolitik "macht", sie halten ihn für ein Exekutivorgan. Es mag sein, daß das Führerkollektiv sie "macht". Aber Molotow ist der Experte. Wahrscheinlich wird die Außenpolitik nach seinen Vorschlägen gemacht und dann von ihm exekutiert. Nur so erklärt sich ja auch die bemerkenswerte Kontinuität dieser Politik über den Tod Stalins und Berijas hinaus. Die Ziele sind offenbar unverändert. Nur Mittel und Tempo ändern sich von Zeit zu Zeit, wie es die Lage, besonders auch die innere Lage der Sowjetunion verlangt. "Wenn es möglich ist, Zeit zu gewinnen, sei es auch nur eine kurze Atempause für Organisationsarbeit, so müssen wir uns das zunutze machen", hat Lenin gesagt. Um eines solchen Zeitgewinns willen kommt Molotow jetzt zur Konferenz nach Berlin. Die Sowjetunion braucht den Zeitgewinn, um ihre innere Situation wiederherzustellen, denn seit dem Tode Stalins sind immer ernstere wirtschaftliche Krisenzeichen in Erscheinung getreten. Aber auch ihre äußere Position ist längst nicht mehr so stark wie in den ersten Nachkriegsjahren: die amerikanische Aufrüstung hat sich ausgewirkt.

Molotow verdankt seine außenpolitische Karriere dem "deutschen Problem". Zwar war er, ein alter Kämpfer des Kommunismus und enger Verbündeter Stalins, seit 1930 als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare eine Art Ministerpräsident, aber das war mehr eine Frage des Protokolls als der Politik. Entscheidenden politischen Einfluß erlangte er, als Stalin Anfang 1939 eine Verständigung mit Hitler in Betracht zog. Am 3. Mai 1939 wurde Litwinow, der die sowjetische Außenpolitik mit der Tendenz einer Einigung aller Großmächte gegen Deutschland geführt hatte, plötzlich fallen gelassen und durch Molotow ersetzt. Ein paar Wochen zuvor hatte Stalin auf dem 18. Parteikongreß erklärt, die Sowjetunion werde den festmachten die "Kastanien nicht aus dem Feuer holen", und damit die deutsch-sowjetische Annäherung eineleitet. Der Mann dieser Politik war Molotow. Er hatte, ungeachtet der ausgesprochen sowjetfeindlichen Politik der Nazis, schon im März 1936 geäußert, "die hauptsächliche Auffassung unseres Volkes geht dahin, daß eine Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland möglich sei", er hatte 1938 zusammen mit Schdanow öffentlich und heftig die Außenpolitik Litwinows kritisiert. Die prädominante Bedeutung Deutschlands für das Schicksal der Sowjetunion gehörte zu den festen Auffassungen des alten Bolschewiken Molotow. Lenin hatte es schon gesagt, und es blieb durch zwei Jahrzehnte das Kreml-Dogma: "... Sieg des Proletariats in Deutschland bedeutet Sieg der proletarischen Revolution in ganz Europa, denn das kapitalistische Europa kann nicht existieren, wenn es sein Herz verliert."

Um das Herz Europas geht es in Molotows Politik, seit er Außenminister ist. Auch 1939 war ein Jahr der benötigten Atempause, die Sowjetunion litt noch unter den Nachwehen der großen Säuberung, die besonders auch das Offizierskorps der Roten Armee reduziert und desorganisiert hatte. Dieses Ruhebedürfnis realisierte sich in einer Politik der Zusammenarbeit mit dem damals übermächtigen Deutschland. Im Pakt vom 23. August 1939 einigte man sich auf Kosten Polens – und der Westmächte, deren Militärexperten zur selben Zeit in Moskau Bündnisverhandlungen zu führen suchten. Drei Wochen spater erklärte Molotow dem polnischen Botschafter in Moskau: "Warschau als Hauptstadt Polens besteht nicht mehr, die polnische Regierung ist zerfallen und gibt kein Lebenszeichen mehr. Das bedeutet, daß der polnische Staat und seine Regierung praktisch zu bestehen aufgehört haben. Dadurch haben die zwischen der Sowjetunion und Polen abgeschlossenen Verträge ihre Wirksamkeit verloren."

War Molotow vertragsbrüchig? Er konnte nur einen Vertrag einhalten, entweder den polnischen oder den deutschen. Er entschied, sich für den deutschen. Der Weltkrieg war im Gänge. Die Sowjetunion hatte ihre Atempause.

Aber schon ein Jahr später schien die Atempause wieder gefährdet. Die Deutschen waren mit sogenannten Lehrtruppen nach Rumänien gegangen. Molotow protestierte, nach einigem Hin und Her kam er im November 1940 nach Berlin. Er wird sich daran erinnern, wenn er jetzt wieder dorthin kommt.

Sechzig Schreibmaschinenseiten umfaßten die Aufzeichnungen über die Gespräche, die Molotow in Berlin führte. Die Unterredung mit Hitler am 13. November in der Reichskanzlei dauerte allein sechs volle Stunden. Ribbentrops Idee war es, die Russen in den Dreimächtepakt zu bringen. Molotow zeigte sich nicht abgeneigt, aber sein Preis war hoch: Erstens freie Hand gegen die Türkei und Neuregelung der Meerengen-Frage. ("Mit den Türken haben wir noch ein Hühnchen zu rupfen.") Zweitens Sowjetbündnis mit Bulgarien unter dem Titel eines Schutzvertrages mit Errichtung einer sowjetischen Militärmission in Sofia. Drittens Einbeziehung Finnlands in die sowjetische Interessensphäre. Viertens Anerkennung der sowjetischen Interessen an den Ostseeausgängen ("Die Sowjetunion hat auch ein europäisches Gesicht und ist an den Ostseeausgängen genau so interessiert wie Deutschland.") Fünftens genaue Definition dessen, was in der Politik der Dreierpaktmächte unter Neuordnung in Asien verstanden wird.