Die bevorstehende Berliner Konferenz der Außenminister der großen Vier ist nicht ohne Einfluß auf die militärischen und politischen Ereignisse in Indochina geblieben. Das Bestreben der Vietminh ist offensichtlich darauf gerichtet, noch vor dem Konferenzbeginn ihre Ausgangsposition für künftige Waffenstillstandsverhandlungen zu verbessern. Zu diesem Zweck entwickelten sie in allen Kampfgebieten eine erhöhte militärische Aktivität, besonders in Laos. Gleichzeitig stießen neue Vietminh-Verbände von der anamitischen Hafenstadt Vinh aus in Richtung auf die am Mekong gelegene Stadt Nape vor. Im französischen Oberkommando befürchtet man, daß der neue Vorstoß in das Mekong-Tal auf Vientiane, den Regierungssitz von Laos, gerichtet ist. Neben der militärischen Initiative der Vietminh macht die innerpolitische Entwicklung in Vietnam den Franzosen große Sorge. Staatschef Bao Dai ist es zwar gelungen, in seinem Vetter, Prinz Buu-Loc, einen Nachfolger für den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Nguyen Van Tam zu finden, aber der Prinz ist unerwartet auf heftigen Widerstand selbst bei politischen Gruppen gestoßen, die als treue Anhänger Bao Dais galten. Er sah sich daher gezwungen, sein Kabinett aus Fachministern ohne parteipolitische Bindungen zu bilden. Politische Beobachter in Saigon berichten das rapide Sinken des Prestiges von Bao Dai und das ständige Anwachsen einer national-republikanischen Bewegung. Bao Dai hat den Versuch unternommen, durch eine radikale Kursänderung seiner bisherigen Politik die politische Führung zu behalten. In einem Vorschlag zur Beilegung des Krieges forderte er direkte Verhandlungen zwischen Paris und Moskau. In der Begründung seines Vorschlages führte er an, daß Frankreich sich in einer Lage befinde, die einen Wandel seiner Außenpolitik wahrscheinlich mache. Dieser Wandel laufe darauf hinaus, sich mehr und mehr von dem amerikanischen Einfluß frei zu machen.

In Washington, wo Bao Dai bisher als zuverlässige Stütze der amerikanischen Indochina-Politik galt, hat dieser Vorschlag großes Aufsehen erregt. In Paris war man weniger überrascht, denn hier erklärte Außenminister Bidault, die Russen würden auf der Berliner Konferenz wahrscheinlich versuchen, Frankreich mit dem Angebot eines Waffenstillstandes in Indochina zu einem Verzicht auf die Europaarmee zu bewegen. Dagegen ist das an die Regierungen von Laos und Kambodscha gerichtete Angebot Thailands, sich zu einem antikommunistischen Block zusammenzuschließen, in Paris auf Argwohn und heftigen Widerstand gestoßen. In Paris befürchtet man, in Erinnerung an die von Thailand mit Hilfe Japans im zweiten Weltkrieg vorgenommenen Annektionen von Gebietsteilen von Laos und Kambodscha, daß Bangkok nach wie vor ein "größeres Thailand" erstrebt. Der Vorschlag zur Bildung eines anti-kommunistischen Staatenblocks sei nichts anderes als eine Tarnung dieses Strebens. Hinzu kommt die Furcht davor, daß der thailändische Plan zu einem Zusammenbruch der Französischen Union in Indochina beitragen werde, zumal die französische Regierung sich diesem Plan nicht ohne Schwierigkeiten widersetzen kann, wenn er nach Auffassung von Washington und London die Schaffung einer neuen anti-kommunistischen Front begünstigt. Ernst Krüger