Zeitliche Entfernung von der Fülle unmittelbarer Erlebnisse ist eine Hilfe, ohne die kein Autor auskommen kann, dem es ernsthaft um das menschliche Erlebnis des Krieges geht. Doch gleichzeitig bedeutet diese Hilfe auch Verpflichtung: ein Kriegsroman, der acht Jahre nach Kriegsende erscheint, darf nicht bloße Unterhaltung sein, die zudem kaum den Vorzug des Amüsanten haben kann. Ein solches Buch ist nur dann noch des Lesens wert, wenn in seinem Mittelpunkt nicht das Gefecht, der Kasernenhof oder sonst ein Detail der irrsinnigen Geschehnisse der Vergangenheit steht, sondern die Konsequenzen, die sich aus eben jenen Details ergeben.

Dies ist der Maßstab, den man an jetzt erscheinende Kriegsromane anzulegen hat. Hält

Gerd Gaisers "Die sterbende Jagd" (bei Carl Hanser Verlag, München, 293 S., 9,80 DM)

diesem Kriterium stand? – Es ist der Roman vom Untergang eines deutschen Jagdgeschwaders. Gaisers Buch erreicht nicht die Plastik seines ersten Werkes "Eine Stimme hebt an", denn es ist zu bildhaft, zu durchdrungen von der Kunst des Dichtens. Vor allem der Anfang ist nicht episch, sondern zäh, manchmal starr, zuweilen hölzern – er wäre es nicht, wenn der Autor weniger inbrünstig eine Dichtung als einen erzählenden Roman hätte schreiben wollen. Sein Problem dagegen ist gradlinig, eindeutig gedacht, sauber empfunden. In seinem Jagdgeschwader gibt es keine weder Tod noch Teufel fürchtenden Helden, sondern bestenfalls routinierte Sportflieger, die zufällig auch schießen müssen; er schildert keine Blutsbrüder des Soldatentums, keine Überpatrioten, die noch mit brechendem Auge dem Vaterland für das graue Ehrenkleid der Nation danken. Jagdflieger sind für Gaiser ganz normale Menschen, die jeder für sich und bestenfalls nur mit Hilfe der Gemeinschaft einen Kampf zwischen Pflicht und Wunsch zu bestehen haben.

Dieses innere Ringen ist Gaisers Thema. Und wenn seine Personen fast ausnahmslos die eigenen Wünsche hintanstellen, wenn sie dem Befehl des Staates folgen und dafür sterben, so ist das eine glaubhafte Konsequenz, obwohl sie sich beängstigend einer zwar traditionellen, aber mißbrauchten Staatsideologie nähert. Dabei sind Gaisers Worte, sein Handlungsablauf, ja seine zuweilen langatmige Zeigefingermoral nicht einmal mitreißend, aber man spürt, daß hinter den Worten, der Handlung und Moral eine eigene Überzeugung steht. Es ist die Überzeugung, für die viele junge Menschen wirklich freiwillig in den Tod gingen, eine anständige Überzeugung, die unanständig ausgenutzt wurde.

w. d. y.

Ein junger österreichischer Autor hat sich ebenfalls um den notwendigen Abstand –, die notwendige Verdichtung bemüht: