Rlt., Düsseldorf

In einem Kölner Institut meldeten sich 2500 Mann. Diese 2500 Mann waren der Ansicht, sie seien hervorragend geeignet, einen Omnibus zu fahren, eine Straßenbahn zu führen oder einen Behördenwagen zu steuern. Deswegen waren sie gekommen. Das Institut nämlich unter Leitung des Dr. Lejeune hatte diese 2500 Bewerber bestellt, um zu prüfen, ob sie tatsächlich die Fähigkeiten besaßen, die sie von sich selbst annahmen.

Das Ergebnis der Prüfung wirft ein Schlaglicht auf die Verkehrssituation in der ganzen Bundesrepublik: Von diesen 2500 Männern, die davon überzeugt waren, erstklassige Fahrer zu sein, mußte mehr als ein Drittel zurückgewiesen werden. Von diesem Drittel war über die Hälfte wieder überhaupt untauglich, ein Fahrzeug einwandfrei über die Straße zu steuern. Wiederum ein Drittel dieser Untauglichen waren farbenblind oder hatten schwere Gleichgewichts- und Kreislaufstörungen.

Darf man aus dieser Untersuchung den Schluß ziehen, daß etwa 30 v. H. aller Menschen prinzipiell nicht in der Lage sind, einen Wagen zu steuern oder ein Motorrad zu fahren? In Nordrhein-Westfalen hat der Chef der Polizei Dr. Meyer in sehr verbindlichen Worten drastische Maßnahmen gegen die Verkehrssünder angekündigt und dabei eigentlich diesen Schluß gezogen. Die unfähigen 30 v. H. am Steuerrad sind also aufzuspüren und rücksichtslos als Fahrer "auszumerzen". Dazu machte Dr. Meyer folgende Vorschläge: Erhöhung der Strafbefugnisse der Polizei, Führerscheinwegnahme, Registrierungspflicht der Verkehrsunfälle, Unterrichtszwang für Radfahrer und Erziehung der Fußgänger. Ob die Aufhebung der Geschwindigkeitsgrenze die Schuld daran trägt, daß in der Bundesrepublik alle 40 Minuten ein Mensch am Verkehrstod stirbt, ist nicht genau zu entscheiden. Die forschen Autofahrer sagen: die Langsamfahrer sind schuld, die sogenannten"Gaspedaltrottel". Aber der frischgebackene "Land"-Sekretär vom nordrhein-westfälischen Innenministerium, Professor Brandt, meinte, daß "der Aufstand der Massen gegen den Automobilisten" bald anbrechen werde, da alle Autofahrer am entstandenen Chaos die Schuld trügen.

Die Wahrheit wird in der Mitte liegen: "In Deutschland ist Rücksichtslosigkeit Trumpf auf den Straßen. Keiner hat dem anderen etwas vorzuwerfen. Ich meine, daß nur die nackte Angst und Schrecken vor den brutalen Mitteln der Polizei die Disziplin auf den Straßen wieder herstellen", das ist die Ansicht Dr. Meyers. – Hat er recht? Bleibt nur noch die drastische Strafe als letztes Mittel übrig? Oder sollte man es doch zuerst noch einmal mit der Höflichkeit versuchen – so wie am Eingang einer Hauptverkehrsstraße in Freiburg? Dort steht auf einer beherzigenswerten Tafel: Höflichkeit verhütet Unfälle! – Freiburg kann sich im vergangenen Jahr über zuviel Unfälle nicht beklagen. Offenbar hat die Tafel genützt.

K., Dortmund

Die von den Alliierten gestiftete Nachkriegsehe zwischen Teilen der einstigen Rheinprovinz und dem gesamten Bestand der früheren Provinz Westfalen, abgerundet durch das wenigstens theoretisch noch existente "Land Lippe", ist von jeher nicht völlig harmonisch gewesen. Das "Bindestrichland" Nordrhein-Westfalen konnte sich aber eine Zeitlang des Vorteils erfreuen, daß sich keine bessere Lösung anbot. So war allseitige Tolerierung zweckmäßig. Auf die Dauer fühlten sich aber die Westfalen überspielt. Und auch heute ist Grund genug, den Satz des Historikers Hermann Aubin zu zitieren, der durchaus nicht in Münster, sondern in Hamburg sitzt: "Wenn man sich heute nach Bausteinen für einen deutschen Staat umsieht, der sich selbst trägt, dann gibt es keinen Raum, der sich besser dafür anbietet, als Westfalen. Zu seiner Bildung, haben äußere Kräfte das wenigste beigetragen. In ihm wurde vorgelebt, was eine freiwillige Volksschöpfung ist."

Letzthin ist das "Westfalenbewußtsein" wieder angerührt worden, weil Düsseldorfer Initiative für eine Verwaltungsreform auch den Plan einer Neuordnung der Regierungsbezirke in die Diskussion brachte. Hierbei tauchte – alles schon einmal dagewesen – der Plan einer Ruhrprovinz (in Gestalt eines neuen Regierungsbezirks) auf, deren Verwaltungssitz ungeachtet des westfälischen Übergewichts im Revier die rheinische Stadt Essen sein sollte. Dies befriedigt nun die Westfalen keineswegs. Aber bemerkenswert bleibt, daß die Westfalen, wie es ihrer überlieferten Art entspricht, keineswegs den Spieß umdrehen und sich etwa vom Rheinland "absetzen" wollen. Von "Separatismus" ist nichts zu vernehmen. Die Westfalen wehren sich bloß deshalb, weil sie mehr und mehr erkennen, welche vorzügliche geschichtliche Leistung an "freiwilliger Volksschöpfung" ihr "Land der roten Erde" aufzuweisen hat.