K. W. Berlin, im Januar

Das Gebäude des Alliierten Kontrollrats ist schon für die Verhandlungen vorbereitet. Als am 8. Dezember die westlichen Außenminister in ihrer Note an Molotow das Kontrollratsgebäude als Verhandlungsort vorgeschlagen hatten, begann sogleich auf amerikanische. Initiative hin – das frühere Berliner Kammergericht liegt im amerikanischen Sektor – ein umfangreicher Hausputz.

In diesem Haus existiert die technische Apparatur der Nachrichtenverbindung mit den Hauptstädten der Welt auch heute noch – selbst nach Moskau und Berlin-Karlshorst, obwohl zwischen Ost- und Westberlin vor eineinhalb Jahren alle Telephonstränge durchschnitten worden sind. Den Schein der Viermächtehoheit halten bis zum heutigen Tage die amerikanischen Wachen aufrecht, die allmorgendlich an den vier hohen Fahnenmasten vor dem Gebäude die sowjetische Fahne neben der amerikanischen, englischen und französischen aufziehen. Die Sicherheitsoffiziere, die inzwischen aus Washington, Bonn, Paris und London eingetroffen sind und Unruhe in das stille Haus bringen, zeichnen größere Kreise um Gebäude und Häuserkomplexe, noch ehe die sowjetischen Sicherheitswünsche bekannt sind. Die Sachverständigenbesprechungen, die jetzt stattfinden, haben vor allem den Sicherheitskomplex zum Gegenstand. Sowjetische Militärpolizei wird in Westberlin erwartet. Wie weit das Gelände um das Kontrollratsgebäude als Bannmeile neutralisiert werden kann, gibt den sowjetischen Unterhändlern neuen und umfangreichen Stoff zu Forderungen und Wünschen.

Die Ostberliner Vorbereitung zur Konferenz hat mit einer umfangreichen Propaganda begonnen, in der Westberlin als Herd der Unsicherheit angeklagt wird. In einer Pressekonferenz hat Nuschke als stellvertretender Ministerpräsident auf die Existenz der Westberliner Auffangorganisation für Ostflüchtlinge hingedeutet. Das Verlangen nach einem Verbot solcher Organisation wie des "Untersuchungsausschuß freier Juristen", der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", der Ostbüros der Parteien war schon eine Forderung der Sowjets in den ersten Vorbesprechungen über die Sicherheit der Konferenz. Natürlich ist dieses Verlangen nicht respektiert worden. Die sowjetischen Vertreter haben vor allem Sorge, daß Demonstrationen in Westberlin Molotow und seiner Begleitung ein schlechtes Entree auf der Konferenz geben können.

Für die zweite Woche, in der die Konferenz in den Sowjetsektor der Stadt zieht, haben die westlichen Vorbereitungsoffiziere keineswegs ähnliche Befürchtungen für Dulles, Eden und Bidault. Die neue Sowjetbotschaft, in der die Konferenz tagen soll, liegt nur wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt. In der sonst toten Straße Unter den Linden, in der viele Lücken kläffen, ist in den Jahren 1950 und 1951 als einzig neues Projekt dieser Kolossalbau mit dem zurückliegenden breiten Mitteltrakt und den beiden vorgeschobenen Seitenflügeln entstanden. Das ehemalige Gebäude der russischen Botschaft hat längst schon für die sowjetischen Repräsentationswünsche nicht ausgereicht. Der Trümmerberg des Erzbischöflichen Palais auf der einen und des Hotels Bristol auf der anderen Seite mußten hinzugenommen werden, um für diesen wohl monumentalsten Botschaftsbau der Sowjetunion Platz zu schaffen. Daß ihr Bewohner als Botschafter bei der nicht anerkannten Pankower Regierung akkrediert ist, war die Ursache für die ursprüngliche Abneigung der Westmächte, hier zu verhandeln. Die Sowjets wußten Rat und kamen diesem Bedenken entgegen: sie nannten die Sowjetbotschaft "Sitz des Hohen Kommissars der UdSSR in Deutschland", da Semjonow in der Tat beides ist, Kommissar und Botschafter. Auch eine andere Geste wird in Westberlin viel beachtet, der Umstand nämlich, daß auf sowjetische Anordnung unmittelbar vor der Konferenz über 6000 politische Häftlinge aus Bautzen und Waldheim amnestiert worden sind. Man sieht hierin den Versuch, ein politisches Klima herzustellen, in dem der Sowjetunion ein ähnlicher politischer goodwill zugestanden werden müsse wie den Westmächten.