O. M., Bremen

Der "Würde eines Landtages entsprechend" will man in Bremen nach den Worten des Direktors der Bürgerschaftskanzlei Max Jahn ein Parlamentsgebäude errichten. In Bremen, dem kleinsten Land der Bundesrepublik, gibt es 92 Abgeordnete. Die Sorgen dieser 92 Abgeordneten sind groß: den Bremer Schulen fehlen noch immer 400 Klassenzimmer und 30 Turnhallen, viele Straßen müssen ausgebessert werden, die Justizverwaltung bedarf dringend Mittel für die Einstellung von Hilfspersonal, das die arg überlasteten Richter entlasten könnte, der Stadtteil Bremen-Nord braucht eine öffentliche Badeanstalt...

Trotz dieser Sorgen hat das Präsidium der Bremer Bürgerschaft nun entschieden, daß die Bauverwaltung der Hansestadt Bremen zwei Architektenwettbewerbe durchführen solle. Der erste Wettbewerb soll sich mit der Errichtung eines Parlamentsgebäudes auf dem Fundament des früheren Stadttheaters in den Anlagen am Wall bemühen; der andere hat das Grundstück der Börsenruine am Markt als Baugrund zur Unterlage. In beiden Wettbewerben sind für die besten Entwürfe 40 000 DM vorgesehen.

Aber diese 40 000 DM sind erst der Anfang. Amtlicherseits schätzt man die Kosten des eventuellen Neubaues auf etwa drei Mill. DM. Doch glauben viele Fachleute, daß dieser Voranschlag nicht ausreichen wird.

Natürlich übersieht Max Jahn durchaus nicht die anderen dringenden Sorgen der Hansestadt. Seine Hauptargumente für den Bau eines Parlamentsgebäudes sind: Die Arbeit der Abgeordneten würde in einem eigenen Bürgerschaftshaus reibungsloser und zweckmäßiger abgewickelt werden können als unter den engen Verhältnissen im Rathaus, in dem jetzt getagt wird. Außerdem würde das neue Haus die räumliche Trennung von Legislative (Bürgerschaft) und Exekutive (im Rathaus amtierende Landesregierung) herbeiführen. Und schließlich werde der Neubau doch eine "städtebauliche Bereicherung" Bremens bedeuten.

Viele Einwohner Bremens dagegen vertreten die Ansicht, daß die Abgeordneten ruhig weiter so eng und in Tuchfühlung im Rathaus tagen sollten wie bisher. Das täten sie ja auch in der weitaus größeren und reicheren Schwesterstadt Hamburg. Die für den Parlamentsbau veranschlagten Millionen solle man lieber für die Errichtung neuer Krankenhäuser und Schulen verwenden. Das parlamentarische Leben in Bremen – so meinen sie – wird auch weiterhin erfolgreich verlaufen, selbst dann, wenn die Abgeordneten zunächst auf die rund 50 Räume, den Empfangsraum für 100 bis 150 Personen, auf die Fraktions- und Arbeitszimmer, Dusch- und Waschräume, eine Gaststätte und sogar ein Krankenzimmer (falls es bei Debatten Unfälle geben sollte) verzichten müßten. Denn alle diese Einrichtungen sieht der Plan eines neuen Bürgerschaftshauses vor.