Durch eine Summierung von Mißverständnissen und falschen Berichten ist Hindenburg zum Zankapfel im Bundestag geworden. Und das kam so: Im Ältestenrat regte Bundestagspräsident Ehlers an, man solle für die Wandelgänge des Bundeshauses Bildnisse der bisherigen Bundetags- und der ehemaligen Reichstagspräsidenten malen lassen; ein Porträt von Paul Löbe sei für diesen Zweck schon in Auftrag gegeben worden. Daraufhin schlug ein Mitglied des Ältestenrats vor, die Liste der zu Porträtierenden auf die früheren Reichspräsidenten (Ebert und Hindenburg) und den jetzigen Bundespräsidenten auszudehnen. Dieser Erweiterungsvorschlag rief den CDU-Abgeordneten Bausch auf den Plan. Er erklärte: solange er etwas dabei zu sagen habe, komme ein Bild von Hindenburg nicht in diese "Ahnengalerie". Damit war der Erweiterungsvorschlag erledigt. Es war sowieso nur ein unverbindliches Gespräch gewesen. In den Agenturmeldungen sah dann aber die Sache so aus: Ehlers habe von sich aus Porträts der Reichspräsidenten vorgeschlagen und sei mit diesem Vorschlag, Hindenburgs wegen, auf die heftige Opposition nicht nur der SPD, sondern auch des Abgeordneten Bausch gestoßen. Diese Falschmeldung hat nun wieder die schleswig-holsteinischen CDU-Abgeordneten zu einem geharnischten Protest gegen ihren Kollegen Bausch herausgefordert. Sie gaben eine feierliche Erklärung ab, in der es heißt: "Wenn überhaupt Räume des Bundestages mit Bildern verdienter deutscher Politiker seit 1871 geschmückt werden sollen, dann darf hierbei das Bild Hindenburgs nicht fehlen ..."

Man sieht: des Kaisers Bart in der Fabel ist eine kompakte Realität, verglichen mit dem Hindenburgbild, wegen dessen sich die CDU in zwei Lager teilt. Denn die Nachricht, an der sich der Streit entzündete, war aufgebauscht und schrieb dem Bundestagspräsidenten Absichten zu, die er gar nicht gehabt hat.

Aber das etwas blamable kleine Intermezzo gibt doch zu denken, denn es wirft ein Licht auf den empfindlichsten Punkt unseres Staatsbewußtseins: den Mangel an politischer Kontinuität. Die englische Krönungszeremonie kann ihre Tradition bis auf Eduard den Bekenner zurückführen. Die symbolischen Handlungen, mit denen der Präsident der französischen Republik in sein Amt eingeführt wird, demonstrieren immerhin die Einheit und Dauer der Nation seit Stiftung der Ehrenlegion durch Napoleon. In Deutschland dagegen: so viele Veränderungen, Brüche, Neuanfänge, daß – im Politischen wenigstens – keine Konstante, kein roter Faden zu entdecken ist. Nicht einmal für eine kleine Porträtgalerie der letzten Staatsoberhäupter reicht es aus.

Dennoch, es wäre schade, wenn der Bundestagspräsident seinen Plan ganz fallen lassen würde, statt ihn wieder aufzunehmen und nach der Vergangenheit hin zu erweitern. Däs Bundeshaus ist ja wedereine Walhalla noch ein Pantheon-, Es ist ein Parlamentsgebäude. Und gerade das Parlament hat in Deutschland eine gar nicht so kurze, sondern eine durchaus ehrwürdige Tradition. Wie wäre es, wenn man die Wandelgänge mit Bildnissen hervorragender deutscher Parlamentarier schmückte, zunächst einmal mit den sozusagen geistigen Ahnen auch Paul Löbes? Da könnte man etwa eine so edle und imposante Erscheinung an den Anfang stellen wie Heinrich von Gagern, den Präsidenten der Frankfurter Paulskirchenversammlung, dem die Erklärung der "Grundrechte" zu verdanken ist. Ihm ließe sich ein Mann anreihen, dessen Gedächtnis gerade heute zu Ehren zu kommen verdiente: Eduard von Simson, der Kaufmannssohn aus Königsberg, Gagerns Nachfolger als Präsident der Paulskirche, dann 1850 Präsident des Unionsparlaments in Erfurt, das die deutsche Einheit abermals zu realisieren versuchte, späterhin, als Gegner Bismarcks, Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses, 1867 des Norddeutschen Reichstages und des Zollparlaments, von 1871 bis 1874 der erste Präsident des Deutschen Reichstages in Berlin – und endlich 1879 der erste Präsident des Reichsgerichts in Leipzig. Von ihm ginge schließlich eine Linie nobler und der Erinnerung werter Parlamentspräsidenten bis hin zu dem letzten, der vor 1933 für die Fairneß des parlamentarischen Spiels garantierte: Paul Löbe.

So ergäbe sich eine Ahnengalerie, an der nichts zu umstreiten wäre, und ein Bekenntnis des Bundestages zu seiner Herkunft aus der demokratischen Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts. Nicht 1919 fängt seine Traditionen, sondern 1848. ce.