J. H., Paris‚ im Januar

Finanzminister Edgar Faure hat vor einigen Tagen eine Kommission mit der Aufgabe eingesetzt, das Ausmaß und die Ursachen der Differenz zwischen den französischen Preisen und denen des Auslandes zu untersuchen. Die Kommission soll bis zum 1. März ihren Bericht vorlegen. Das Problem der französischen Preise datiert nicht von heute. Aber man hat endlich in den zuständigen Kreisen erkannt, daß die Stagnation der französischen Wirtschaft nicht überwunden und das chronische Handelsdefizit nicht reduziert werden können, wenn diese Frage ohne Lösung bleibt. Handelsminister Louvel hat kürzlich erst das Preisniveau jener Länder untersuchen lassen, die eventuell in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft eintreten würden. Die Ergebnisse dieser Enquete waren klar: Frankreichs Preise sind gegenüber jenen des Auslandes um 11 bis 33 v. H. höher. Die neue Kommission wird kaum etwas anderes feststellen können.

Es ist für niemanden ein Geheimnis, warum die französischen Preise so hoch sind. Die Rohstoffe sind in Frankreich teurer als im Ausland, weil sie, wenn man sie einführt, mit einer Reihe von Zöllen belastet werden. Auch die Energiestoffe sind teurer als in irgendeinem anderen Lande. Die Zölle, die beim Benzin erhoben werden, betragen 55 v. H., und jene, die beim Gasöl bezahlt werden, müssen, 47 v. H. des Verkaufspreises. Die Tonne Kohle kostet in Frankreich ab Grube 4500 ffrs, aber nur 3000 ffrs. in Großbritannien und 3950 ffrs. in Deutschland. Der Hochspannungsstrom der vor dem Krieg in Frankreich um 33 v. H. billiger war als in den USA, ist gegenwärtig um 50 v. H. höher als in den Staaten.

Die vom Finanzminister eingesetzte Kommisison, die den Umfang und die Ursachen der Differenz zwischen den französischen und den ausländischen Preisen untersuchen soll, wird es also nicht allzu schwer haben. Viel schwerer aber wird es sein, eine Lösung des Preisproblems zu finden. Es ist undenkbar, eine Senkung der Löhne zu erwägen. Die Löhne sind, an ihrer Kaufkraft gemessen, viel zu niedrig; sie werden in absehbarer Zeit wohl erhöht werden müssen. Die Kommission für Kollektivverträge hat die Erhöhung des Monats-Mindestlohnes von 20 000 auf 27 000 ffrs. vorgeschlagen, und es ist kaum anzunehmen, daß die Regierung lange um die Erhöhung des Minimum vital herumkommen wird. Eine Erhöhung aller anderen Löhne wird automatisch folgen.

Es bleibt ein einziger Weg – auch der Finanzminister kennt ihn: Die Wertangleichung des Francs. Für sie besteht gegenwärtig und wahrscheinlich auch in den nächsten Monaten noch die beste Chance der Nachkriegszeit. Der Stabilisationsfonds der Bank von Frankreich hat dank der sehr niedrigen Goldpreise bedeutende Mengen von Gold und Devisen erwerben können. Der französische Devisenreichtum war schon lange nicht mehr so bedeutend wie jetzt. Dazu kommt, daß Frankreich in diesem Jahr mindestens 1.200 Mill. $ aus den USA erhalten wird. Es wird nicht nur ein weiteres Zahlungs- und Handelsdefizit gedeckt werden können, sondern es bleibt daneben noch eine bedeutende Devisenmenge zur Verfügung des Finanzministers, um einer allfälligen Inflations- und Haussetendenz wirksam entgegentreten zu können und durch massive Importe die Spekulation in Bann zu halten. Die längst fällige Wertangleichung würde nicht nur einen Ausgleich zwischen den französischen und den ausländischen Preisen herbeiführen und das Außenhandelsdefizit reduzieren, sie würde auch dem Export einen bedeutenden Antrieb verleihen, die französische Wirtschaft aus der Stagnation hinausführen, die Devisenbewirtschaftung überflüssig machen und den Weg für eine wirksame europäische Zusammenarbeit öffnen, vorausgesetzt, daß man sich in Paris entschließt, die seit Jahren gepflogene Politik des Abwartens und des Zögerns zu verlassen und im günstigsten Augenblick die wichtigste wirtschaftliche Entscheidung der letzten Jahre zu treffen.