Allen unzufriedenen Hausfrauen empfahl Bundeswirtschaftsminister Erhard kürzlich bei einer Anfrage im Bundestag, Schachteln mit schlechten Streichhölzern an die Deutsche Zündwaren-Monopol-Gesellschaft, Frankfurt! Main, einzusenden. Vom Bundespostministerium wurde allerdings dagegen Einspruch erhoben: Streichhölzer gehören nämlich zu jenen Gegenständen, deren Beförderung eine Gefahr für die Postbeamten, oder die Postsendungen bedeutet ... Aber vielleicht wird die nach Mitteilung des Ministers eingesetzte Prüfungskommission ein geeignetes Mittel sein, der oft mit Recht beanstandeten. Qualität dieser kleinen Hölzer, auf die Beine zu helfen. – Vielleicht!

Sicherlich zählen Sie nicht zu den Menschen, die über jeden Strohhalm stolpern. Aber ganz bestimmt haben Sie sich schon hundertmal über Streichhölzer geärgert. Sei es, daß sie vorzeitig abbrechen, daß sie gar nicht brennen – oder da, wo sie es nicht.sollen: auf der Haut oder auf der Tischdecke.

Man sollte meinen, so etwas passiere heute nicht mehr. Denn mittlerweile ist das kleine Streichholz hundert Jahre alt geworden. Jacob Friedrich Kammerer aus Ludwigsburg soll sein Urvater sein. Aber das weiß man nicht genau. Desto genauer wissen wir alle und spüren es heute so deutlich wie nie zuvor, daß eben dieses kleine Stückchen Splitterholz ein recht vielseitiges Kapitel Wirtschafts- und Finanzgeschichte darstellt.

Erinnern Sie sich noch Ihrer Seifenkarte aus der Kriegs- und R-Markzeit? Wer sie besaß, bekam darauf, sofern ihm sein Lieferant wohlgesonnen war, monatlich eine ganze Schachtel Streichhölzer. Kein Mensch konnte damit auskommen; 1938 verbrauchten wir je Kopf und Monat mindestens 2,5 Schachteln. Das waren 128 Mrd. Zündhölzer, die jährlich von 32 deutschen Fabriken hergestellt wurden. Nach dem Krieg sind dem Bundesgebiet immer noch gute zwei Dutzend Fabriken übriggeblieben. Aber: sie setzen jährlich nur 60 Mrd. Zündhölzer um. Sie könnten viel mehr produzieren, doch die einzelnen Bürger der Bundesrepublik verbrauchen heute nur bestenfalls zwei Drittel der Menge an Streichhölzern, die sie früher als Bürger des Deutschen Reiches sorglos konsumierten.

Das hat im wesentlichen zwei Ursachen. 1938 kostete eine Schachtel mit 60 erstklassigen Streichhölzern drei Pfennige. Davon bekam der Staat sechs Zehntel Pfennig an Steuern. Heute kostet eine Schachtel mit 40 "Welt"-Hölzern, oder eine Schachtel "Haushalt"-Hölzer (Inhalt 50 Stück) runde 10 Pfennige. Und von jeder dieser 10-Pfennig-Schachteln kassiert der Staat volle sechs Pfennige als Steuern. Diese gegenüber der Vorkriegszeit verzehnfachte Steuer verdankt Vater Staat dem Kontrollratsgesetz Nr. 28 vom 10. Mai 1946, das heute noch frisch und munter wie am Tage seiner Verkündigung in Kraft ist.

Wundern Sie sich nun, daß unser Bundesfinanzminister sich nur höchst ungern von diesem Gesetz trennen würde? Denn dieses Gesetz ist so großartig, einfach zu handhaben; der Verkauf der gesamten deutschen Streichholzproduktion wird fast ausschließlich von der 1930 gegründeten deutschen Zündwaren-Monopol-Gesellschaft, die dem Staat gehört, betrieben. Der Bund setzt also die Preise fest und ist am Gewinn beteiligt. So verdient er zweimal: erstens an der Zündwarensteuer, die mindestens 60 Mill. DM jährlich einbringt, und zweitens am Verkauf, der nochmals etwa vier Mill. DM in die Bundeskassen fließen läßt. Die Umsatzsteuern gar nicht gerechnet. Der Herstellungspreis (Netto-Fabrikpreis), der vor dem Kriege in der Regel mit 1,2 Pfennig je Schachtel angegeben wurde, ist heute auf fast zwei Pfennige gestiegen.

Die horrende Steuer, die auf jeder Streichholzschachtel mit sechs Pfennigen lastet, erklärt zur Genüge den Konsumrückgang. Aber er hat auch noch eine andere Ursache. Durch die Jahre der Rationierung hat das Feuerzeug gewaltig an Boden gewonnen. Werhand vergessen, daß der Feuerstein jahrelang Standardartikel jedes Schwarzhändlers war. Nun, für den Schwarzhändler ist der Feuerstein nicht mehr interessant. Desto interessanter ist er heute für den Zündholzfabrikanten, denn er sieht in diesem Feuerstein einen bösen Konkurrenten, dem er lieber heute als morgen ebenfalls eine Besteuerung aufhalsen möchte. "Wenn ein Feuerstein", so argumentiert er, "der zweitausendmal zündet, nach dem gleichen-Prinzip besteuert werden würde wie dasStreichholz, so müßte dieser fatale Feuerstein allein mit zwei DM an Steuern belastet werden." Ein solcher Satz muß auf unseren Bundesfinanzminister ähnlich verführerisch wirken, wie weiland Evas Paradiesapfel auf den biederen Adam. Wir können nur hoffen, daß Herr Schäffer nicht anbeißt. Denn schließlich hat man es mit einer Feuerstein-Steuer schon früher einmal probiert. Damals stellte sich heraus, daß die Verwaltungskosten höher als die Einnahmen waren.