Von Christian E. Lewalter

Sein Gedächtnis war ganz inkommensurabel", schreibt Carl J. Burckhardt in seinen Erinnerungen an Hofmannsthal; "es reichte in solche Tiefe, daß er als Korrelat, ja, als Funktion dieses Gedächtnisses dasjenige brauchte, was man mit Vorahnung bezeichnen mag." Wahrer kann man nicht aussprechen, womit Hugo von Hofmannsthal vor allen Menschen seiner Generation gezeichnet war: der verhängnisvollen Gabe, alles Gewesene, alles Gegenwärtige, alles Kommende jederzeit überblicken und bedenken zu können – und, mit ihr verbunden, dem unentrinnbaren Zwang, dies jederzeit tun zu müssen. Er hat alle Untergänge und Zusammenbrüche unseres Jahrhunderts schon an dessen Wende kommen sehen; aber er sah auch ihre Unabsehbarkeit voraus. Darum hatte er keine prophetische Kunde zu geben, wie Nietzsche sie gegeben hatte oder wie von seinen Altersgefährten Stefan George, von der nächsten Generation Ernst Jünger sie zu geben glaubten. So vermessen war er nicht, denn er bedachte jederzeit alles. Deshalb gab es in seinem Leben keine Entwicklungsperioden, sondern sogleich die frühe und stete Reife. Deshalb empfand er auch um sich herum, in "seiner Zeit", keine Epocheneinschnitte. Als er, der achtzehnjährige Wiener Gymnasiast Loris mit seinen ersten Versdramen sogleich zum höchsten Rang der Wortkunst aufstieg (1892), war Ein de siècle, wie jedermann sagte. Er war der einzige, für den die Lebenszeit stets Ein de siècle blieb. Denn das viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort bedeutet ja nicht "Ende des Jahrhunderts" (des neunzehnten), sondern "Ende des Säkulums", das heißt: des Weltalters, in dem die abendländische Menschheit gelebt hat. Daß dieses Weltalter zu Ende gehe, für Österreich, für Deutschland, für ganz Europa – das war seine mit Schmerzen getragene Überzeugung, und sie hat sich, wie wir wissen, als wahr erwiesen.

Ein plötzlicher, harter Schmerz, der Selbstmord seines einen Sohnes, warf den Fünfundfünfzigjährigen aus einem rüstigen Leben in wenigen Tagen aufs Totenbett (1929). Aber verwunderlich ist nicht, daß dies Leben mit seinem strahlenden Werk so früh zu Ende ging, sondern wunderbar ist, daß es so lange getragen werden konnte. Wie leicht macht man es sich, wenn man meint, die dichterische Anlage sei ein Geschenk der Götter an ihre Günstlinge, damit sie das Leben leichter meistern können! Das mag für die flachen Poeten gelten, die ihr schwankendes Selbstgefühl sichern, indem sie, ihr Werk betrachtend, das Leben gehen lassen, wie es geht. Für Hofmannsthal aber war die Nötigung, zu dichten, eine Gabe aus der Büchse der Pandora. Denn wer so sehr am Ende steht wie er, fühlt die Verantwortung des Dichters stärker auf sich lasten als die anderen. Jedes Mißlingen gilt ihm als Mitschuld am Untergang. Denn nur, wenn das Werk gelingt, ist Überlieferung an das kommende Weltalter möglich. Deswegen das häufige Verzagen.

Woher wissen wir von seiner Not? Den Dichtungen selbst ist nichts abzulesen. Keine von ihnen enthält Autobiographisches. Aber es gibt die Briefe Hofmannsthals, und daß es sie gibt und daß sie sind, was sie sind, Dokumente der Tragödie eines untragischen Dichte, das ist wieder ganz in dem "inkommensurablen Gedächtnis" Hofmannsthals begründet. Denn eben die Tiefe seines Gedächtnisses ließ kein Ausweichen in die Ideologien oder in die Gruppenbildungen zu. "Weltanschauungen" und "Kreise" waren in Hofmannsthals Augen ärmliche Surrogate, Flucht vor dem Abgrund des Endes. Wonach ihn verlangte, war der Mensch, der wahlverwandte, dem er sich gesellig aufschließen konnte. Nicht der Mitarbeiter, der Gleichstrebende, der Anhänger, der Jünger, sondern der Freund. Ganz einfach der Freund – in jenem Sinne des Wortes, den zuletzt die Romantiker (auch sie aus ähnlichen Bedrängnissen) gekannt hatten: der Andere, der Nahe, das Du. Aus der Tiefe von Hofmannsthals Gedächtnis streckte sich eine Wünschelrute aus, die fast untrüglich ausschlug, sobald in den Horizont ein Mensch eintrat, mit dem Kommunikation möglich war.

Ein Brief Hofmannsthals vom Januar 1913 beginnt: "Dieser Brief von Dir, mein lieber Eberhard, jetzt abends hier heimkommend, während ich ein seltenes Mal wieder den Kindern vorlese, diese Zeilen von Deiner Hand, Deine Worte, Dein Gefühl, aus einer Stadt zur andern hin, über das ganze große umdüsterte beklommene Deutschland hin dieser Gruß, diese Berührung Deiner Hand – Dein Gesicht, das auf einmal sich hier im Umkreis meiner Lampe sich auftut, mich anblickt – mir ist so eigen zumut, alle diese Tage, in diesem konfuser, leise angstvollen Österreich, diesem Stiefkind der Geschichte – so eigen, einsam, sorgenvoll – wie einsam sind wir, und wie schön, daß wir einander haben. Ich möchte Dich bitten: stirb mir nicht."

Die Nachwelt hat den Freund, an den die Worte gelichtet sind, bald aus ihrem schwachen Gedächtnis verloren: Eberhard von Bodenhausen, sechs Jahre älter als Hofmannsthal, aus einem Geschlecht von Freiherren, das am Harz begütert war, Verwaltungsjurist zuerst, dann aus dem Geleise der Familie brechend Kunsthistoriker, Schriftsteller, junger Mäzen und Zeitschriftengründer ("Pan") in jenen Fir-de-siècle-Jahren, die eine Blütezeit der Zeitschriften waren, Übersetzer von Pierre Fromentins "Alten Meistern", Biograph des Niederländers Gerard David, dann aber zu Beginn des neuen Jahrhunderts, um nicht Literat zu werden, Direktor bei der Deutschen Bank und weiterhin bei Krupp, von Hofmannsthal und dem Grafen Harry Keßler als Leiter des ersten deutschen Landerziehungsheims, von Wilhelm Bode als Generaldirektor der Preußische Museen, von Bethmann Hollweg als Botschafter in Petersburg, von Wilhelm II. als Nachfolger Bethmann Hollwegs in Aussicht genommen, und, ohne etwas von all dem zu erreichen, als Direktor bei Krupp 1918, mit fünfzig Jahren, am Managertoc gestorben – ein reicher, reich begabter Mann von vielen, zu vielen Möglichkeiten, vor allem andern aber der Freund Hofmannsthals, neidlos teilnehmend an dessen anderen Freundschaften, mit Rudolf Borchardt, mit Rudolf Alexander Schröder, mit Rudolf Kaßner, selbst aber ohne andere enge Freundschaften und sich darum dem Jüngeren ohne Vorbehalte anvertrauend. Die "Briefe der Freundschaft", die die beiden in den zwanzig Jahren ihrer Gemeinsamkeit wechselten und die gerade jetzt (im Eugen Diederichs Verlag) erscheinen, sind vielleicht das wichtigste und schönste Dokument für den Kontakt zweier sensibler Persönlichkeiten.