Daß die "Möglichkeit" die schwerste aller Kategorien sei, hat der große Kierkegaard ganz wörtlich gemeint: vor der Unendlichkeit der Möglichkeiten überfällt die Angst den armen Erdenbürger. Frei von solch metaphysischer Angst ist freilich der, der die zahllosen Möglichkeiten reduziert auf die paar seiner engen Umwelt: für ihn wird das Leben eine höchst unkomplizierte Sache. Solche unkomplizierten Menschen sind das eigentliche Salz unserer Erde; würde sie nur von den großen und kleinen Kierkegaards bevölkert, die sich scheuen, auch nur irgendeine Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen – so stünden Handel und Wandel bald still.

Einige Möglichkeiten freilich gibt es, bei denen sich eine frisch zupackende, fast leichtfertige Umsetzung in die Wirklichkeit bitter rächt. Im Raum der Dichtung rechnet dazu zum Beispiel die Möglichkeit, ein Avantgardist zu sein, denn in die Wirklichkeit umgesetzt bedeutet das doch: das äußerlich und innerlich harte Schicksal des Bahnbrechers zu übernehmen, voranzureiten, mit offenem Visier gegen das mächtige Gestern und Heute.

Alfred Anderich mit Recht bekannt wegen einiger ausgezeichneter Funksendungen (aus seinem letzten Feature über Lappland brachte DIE ZEIT am 5. November 1953 einen Vorabdruck) und wegen eines vielleicht nicht ganz einleuchtenden, auf jeden Fall aber interessanten Buches "Die Kirschen der Freiheit" (siehe DIE ZEIT vom 6. November 1952) hat die Wirklichkeit des Avantgardisten gewählt: als Autor und – das interessiert hier vor allem – als Herausgeber einer avantgardistischen Buchreihe des studio frankfurt (unter dem Protektorat der Frankfurter Verlagsanstalt). Sind Andersch und seine Autoren berufen gewesen, diese schwere Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen?

Sie sind es nicht – um das vorwegzunehmen. Eine gewisse Tragikomik haftet der Studioreihe an: denn da, wo diese Hefte gut sind – sind sie ganz normale Prosa, die zu jeder beliebigen Zeit seit etwa 50 bis 100 Jahren hätte erscheinen können: zum Beispiel heinrich bölls glänzende Novelle nicht nur zur Weihnachtszeit (die Geschichte einer alten Frau, die sich weigert, ihren Tannenbaum zu plündern und nun jeden Abend des Jahres Weihnachten feiert); das ist eine Novelle, die schon Gogol hätte schreiben können. Gut sind auch die Skizzen und Berichte von Ruth Landshoff-York

"Das Ungeheuer Zärtlichkeit", (Der Herausgeber möge verzeihen, daß ich von jetzt an die Namen seiner Autoren und ihre Titel groß schreibe, wiewohl er sie doch à la Stefan Georges Rechtschreibung klein hat absetzen lassen; aber da bei dieser Studio-Reihe ein direkter Bezug zu George doch wohl auch nicht im Sinne des Avantgardismus ist, fehlt dieser Kleinschreibung die Legitimation.) – Ruth Landshoff-York also erzählt mit beiläufiger Schnoddrigkeit wirkliche Grenzsituationen des menschlichen Lebens: so zum Beispiel die Geschichte von dem Mann, der Mikroben mit dem bloßen Auge erkennen kann. Avantgardistisch allerdings ist sie nun ganz und gar nicht – und warum auch? Ihre Themen sind die Themen jedes Schriftstellers, der sich auf der dünnen Grenze zwischen Tragik und Komik bewegt, ihre Hilfsmittel der Tradition der amerikanischen Short story entnommen, die O’Henry ja nicht erst heute begründete.

Dies also ist das Tragische der Reihe – komisch wird sie, wo sie "avantgardistisch" scheint; da also, wo die Autoren tatsächlich die Möglichkeit des Avantgardismus in die Wirklichkeit umzusetzen versuchten. Dies trifft selbst auf einen so glänzenden Schriftsteller und überlegenden Mann wie Ernst Schnabel zu: er gab Andersch zur Publizierung aus der Reihe seiner guten Funksendungen ausgerechnet das schwache Feature Ein Tag wie Morgen. Freilich ist es unter dem "Avantgardismus" der Frankfurter Reihe immer noch das beste, deshalb auch am besten geeignet, einige ernsthafte Fragen an Autor und Herausgeber zu stellen: Glauben beide, daß die "Katalogisierungswut" dieses Features Avantgardismus ist? "Um diese Zeit saß der Gasmann Anton Pfeifer / aus Heidelberg am Küchentisch, mischte seine / Patiencekarten und dachte: / der Mensch ist gut. Der Mensch ist gut... t Und während der Gasmann nun seine Patience / auszulegen begann ... / flog die Erde durch die eisige Nacht des / Weltraumes..." Und dann geht’s weiter: der Himalaya wird erwähnt und Palermo, das Abendrot in den Fensterscheiben von New York und der Jupiter, der Mond und die Sternbilder und Monsieur Bertraud in Paris und ... und ... und...

Was ist daran avantgardistisch? Der dies einmal (freilich vor vielen Jahrzehnten) als den Avantgardismus eines guten Menschen und nicht den eines guten Dichters betrieb, der ist ja bei Schnabel zitiert – Franz Werfel: "Der Mensch ist gut." Man weiß auch, aus welcher noch heute bewunderns-, aber heute nicht mehr nachahmenswerten Haltung Werfel solche Zeilen schreiben konnte:, aus dem Lebensbezug einer Brüderlichkeit, die im edlen Sinne des Wortes "kommunistisch" war. Wir wissen aber doch nicht erst seit Koestler – und der Anti-Kommunist Schnabel weiß es doch auch – daß es solchen edlen Kommunismus nicht gibt. Wo diese Aussageform dennoch praktiziert wird, ist er kein Avantgardismus mehr, sondern – um im "Jargon" zu bleiben – Reaktion. Eine permanente Revolution ist keine Revolution mehr, sondern ein Nonsens.