Von Indro Montanelli

Salvador Dali ist in Rom angekommen. Mit einem weißen goldbestickten Damastgilet, einem Füllfederhalter im Knopfloch seines Mantels und einem anderen im Aufschlag seines Jacketts und mit dem berühmten langen Schnurrbart, den er mit Dattelsaft behandelt."Moustaches optimistiques ... Moustaches rrrrhinocérrontiques!..." erklärte er seinen Freunden.

Daß er diesen Winter nach Rom kommen wollte, hatte er mir schon im Sommer in New York mitgeteilt, als ich ihn bei einem Essen traf, das der Herausgeber des "This week" ihm zu Ehren gegeben hatte. Für ihn hatte Dali auch sein berühmtes christliches Kreuz mit den verschlungenen Händen gemalt, um es als Symbol der Picassoischen Friedenstaube entgegenzustellen. "Rrrom und ich", sagte er mir damals, als sei es die natürlichste Sache der Welt, "können nicht anders, als sich einmal begegnen, verteidigen wir doch dieselben Prinzipien: Zivilisation und Rrrreligion. Ich beabsichtige meine Zelte dort in einem Palast des Seicento aufzuschlagen, für einige Zeit natürlich nur, welchen halten Sie für den geeignetsten?" – "Um ihn zu kaufen?" wagte ich die schüchterne Frage. "Kaufen? ... Ein Künstler wie Dali kauft nicht, er läßt sich höchstens herab, ihn als Geschenk anzunehmen, nicht wahr, Galiuschka?" Galiuschka, die eigentlich Gala heißt und-seine Frau ist, hatte sanft geantwortet: "Man bien sûre, chéri, wenn man Salvador Dali heißt..."

Jetzt jedoch scheint von dem Palast aus dem 16. Jahrhundert nicht mehr die Rede zu sein. Die Prinzessin Pallavicini will den ihren für eine Ausstellung seiner Bilder zur Verfügung stellen. Und von den Plänen für diese Ausstellung sprach man kürzlich in einer Versammlung von intimen Freunden im Grand-Hotel. Denn nach Dali soll es ein Ereignis werden, von dem nicht nur Rom, sondern ganz Italien sprechen wird und das mit seinem Erfolg die kürzlich abgeschlossene Picassoausstellung in den Schatten stellen soll. Außer Dali und seiner Frau Gala war noch ein Vetter aus Barcelona zugegen, den niemand nach dem Namen gefragt hatte, Irene Brin, die Besitzerin einer bekannten römischen Kunstgalerie, ihr Mann Gaspero del Corso und einige Damen. "Wieviel Bilder hatte eigentlich Picasso ausgestellt", fragte Dali. "Zweihundert", antwortete jemand. – "Dann werde ich auf alle Fälle wenigstens 201 ausstellen." Allen blieb der Atem stehen, denn, um nur ein einziges Bild verpackt und versichert nach Rom zu schicken, muß man 1000 Dollar ausgeben, und Salvador hatte von allem Anfang an erklärt, daß er keinen Heller zu diesem Zwecke aus der Tasche ziehen würde, denn: "Ein Künstler wie Dali zahlt nicht, um eine Ausstellung zu organisieren, er kann höchstens seine Zustimmung dazu geben nicht wahr, Galiuschka?" Und Galiuschka: "Mais oui, mon eben, wenn man Salvador Dali heißt..."

Doch konnte auch Galiuschka uns niemand nennen, der bereit gewesen wäre, 200 000 Dollar vorzustrecken. Zwar wimmelte es in dem gegründeten Komitee von Prinzen und noch mehr von Prinzessinnen. Es waren alles Namen, die sehr vornehm klangen, die aber kein Geld einbrachten. Und Galiuschka, die mehr Interesse für das letztere als für die Vornehmheit aufbrachte, schien über diese Tatsache recht besorgt. "Müssen es wirklich 200 Bilder sein?", fragte sie mit einschmeichelndem Ton ihren Gatten. "Zweihundert und eines habe ich gesagt, keinesfalls weniger als zweihundert und eines", antwortete er mit energischer Geste. "Aber cherie", meinte sie nun, "um 200 Picassos in Schatten zu stellen, dafür sind doch nicht 200 Dali nötig, da reichen dreißig..." Salvador schaute sie einen Augenblick nachdenklich an, zwirbelte an seinem optimistischen Schnurrbart und zeigte sie lächelnd seinen Freunden: "Ist sie nicht charmant und wie sie sich anzieht..." In der Tat war Galiuschka wie eine Andalusierin während der Karwoche gekleidet, dazu mit einem Amazonenhut und Stierkämpferbolero. "Ustet cree quel el Santo Padre?" (Glauben Sie vielleicht, daß der Heilige Vater...), warf in diesem Moment der Vetter aus Barcelona ein, aber niemand hörte auf ihn.

"Also 30 Bilder, das wären 30 000 Dollar, darüber könnte man zu diskutieren anfangen", sagte Gaspare del Corso. "Diskutieren ...", antwortete Dali, über eine solch elende Summe für die Verteidigung der Zivilisation und der Rrreligion? Könnten Sie nicht das bißchen Geld in Voraussicht der wahrscheinlichen Verkäufe und der sicheren Einnahmen vorstrecken? ... A propos Einrahmen. Was kostete das Eintrittsbillett zur Picasso-Ausstellung? ... 250 Lire sagen Sie, dann muß es zu mir mindestens 300 kosten." – "Mindestens", unterstrich Gala, und der Amazonenhut fiel ihr bei dem Eifer in den Nacken. Wieviel Besucher hatte Picasso gehabt?" "Es war ein großer Erfolg", sagte jemand, "allein hier in Rom 65 000." "Du lieber Gott, was sind schon 65 000", sagte Dali verächtlich, "wir müssen mit mindestens zwei Millionen rechnen... In Barcelona habe ich allein zweieinhalb Millionen Besucher gehabt", und sich zu dem Vetter wendend, dessen Gegenwart uns nun nach und nach klar wurde, fragte er: "Wieviel habe ich in Barcelona gehabt?" "Eine Million und 800 000", antwortete der diszipliniert. "Aber woher kamen denn die alle?", fragte Gaspare etwas verwirrt, denn ihm schien, daß Barcelona nicht so viele Einwohner hatte. "Vom Lande", sagte Dali prompt, "todos los campesinos – alle Bauern der Umgegend". Und "Todos los campesinos", echote der! gut erzogene Vetter, aber dann fügte er mit sanfter und schüchterner Stimme hinzu: "Glauben Sie nicht, daß der Heilige Vater?..."

An diesem Punkt nahm Gala Irene Brin beiseite, einesteils, um über die "parties" zu reden, die die römische Gesellschaft die Absicht hatte, Dali zu geben ("denn Sie verstehen, einige Parties müssen wir zurückweisen, ein Mann, wie Dali, kann sich nicht wegschenken"), andernteils, um ihrem Manne Gelegenheit zu geben, Del Corso davon zu überzeugen, das nötige Geld vorzustrecken. Aber Irene Brin hörte nicht besonders auf sie, sondern lauschte mit halbem Ohr etwas besorgt zu ihrem Manne hin. Gesprächsfetzen drangen an unser Ohr: "Die Rrreligion... die Verteidigung unserer heiligen Rrreligion sollte keinen Preis haben."