Was sie über die Tätigkeit der hessischen Landesregierung wissen", möchte der sozialdemokratische hessische Ministerpräsident Zinn von den Schülern der Oberstufe der hessischen Oberschulen erfahren. Die zehn besten Aufsätze zu diesem Thema will er sogar mit Einladungen nach Wiesbaden prämiieren. Man müsse in Verbindung zur Jugend kommen, meinte er.

Sein an die Schülerschaft gerichtetes Rundschreiben wurde von Eltern und Lehrerschaft skeptisch aufgenommen. Liegt es nicht allzu nahe, so fragt man sich, daß die hessische Regierung an Hand der Kenntnisse der Schüler die politische Gesinnung der Lehrer prüfen will? Denn was werden die Kinder von der Tätigkeit der Regierung viel anderes wissen, als das, was sie in der Schule darüber erfahren haben? Doch sicher nichts von den Vorgängen im Hessischen Landesamt für Verfassungsschutz – und wenn doch, so wird sich unter den Schülern vielleicht wenig Neigung finden, sich zu derartig heiklen Dingen zu äußern.

So kann denn der hessische Ministerpräsident mit seiner plötzlichen Liebe zur Jugend gar nicht fehlgehen: Fallen die Aufsätze nach Wunsch aus, so kann er ein schönes Stückchen Wahlpropaganda daraus machen. Entsprechen sie seiner eigenen, wahrscheinlich hohen Meinung von seiner eigenen Regierung nicht, so weiß er wenigstens, woran er mit der Lehrerschaft ist. H. B.