Das Bemerkenswerteste, was seit längerem aus dem Gewerkschaftslager zu hören war, ist ohne Zweifel jener in diesen Tagen lebhaft in das Gespräch gekommene Aufsatz, den der Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften, Dr. Viktor Agartz, in den letzten "Mitteilungen" dieses Instituts unter dem Titel Expansive Lohnpolitik veröffentlicht hat. Wir nehmen an, daß es sich bei diesen Ausführungen weder um ein letztes Wort noch um eine auch nur halboffiziöse Stellungnahme der Gewerkschaften selbst zu dem Thema Lohnpolitik handelt, sondern doch wohl mehr um einen lancierten avantgardistischen Vorstoß, der wieder etwas Bewegung in die Arena bringen soll. Um "bierernst" genommen zu werden, ist dieser "Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung" doch etwas zu unklar und widersprüchlich formuliert. Immerhin muß darüber diskutiert werden.

Agartz plädiert für eine Lohnpolitik, die sich bewußt von den Bindungen an die realen wirtschaftlichen Daten, wie sie etwa durch die Entwicklung der Produktivität oder die Beziehung auf eine Leistung gegeben sind, frei macht. Ziel dieser "autonomen Lohnpolitik" soll es sein, durch vorweggenommene Lohnerhöhungen die wirtschaftliche Entwicklung "expansiv" vorzutreiben, also etwa in der Weise, daß die wirtschaftliche Leistung "nachträglich" in diese Lohnerhöhungen hineinwächst. Die Lohnpolitik "darf sich nicht damit begnügen, den Reallohn an die volkswirtschaftliche Entwicklung nachträglich heranzubringen. Sie muß versuchen, die wirtschaftliche Expansion von sich aus zu forcieren, um durch bewußte Kraftsteigerung eine Ausweitung der Produktion herauszufordern. Eine expansive Lohnpolitik ist zugleich das wirksamste Mittel, die Betriebe zu höherer Rationalität anzuhalten, die Produktivität zu steigern und damit die Lohnexpansion zu fundamentieren."

Das sind kühne Perspektiven, die hier entwickelt werden – neu sind sie nicht. Diese Art von Lohnpolitik ist nur ein anderes Wort für die schon früher (nach dem ersten Weltkrieg) entwickelte Kaufkraft- und Lohntheorie spekulativen Charakters, die heute, durch die Erfahrungen, die man in der Praxis mit ihr gemacht hat, eigentlich ad acta gelegt sein sollte. In unserer augenblicklichen wirtschaftlichen Situation konsequent zur Anwendung gebracht, müßte sie auf jeden Fall katastrophale Folgen haben; denn diese Lohnpolitik "hat sich ausschließlich nach den international erreichten optimalen Ergebnissen zu richten", was also praktisch bedeuten würde, daß der durch schwere Kriegsschäden, denaturierten deutschen Wirtschaft Lohnkosten aufgelastet werden sollten wie der amerikanischen. Die Preisgabe unserer Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten, die Schrumpfung unseres Außenhandels, damit verbunden Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard müssen die Folge sein, von der Gefährdung unserer Währung ganz zu schweigen.

Diese hier empfohlene Lohnpolitik läßt sich, bereits hart am Text bleibend und ohne besondere geistige Unkosten, ad absurdum führen, womit nicht gesagt werden soll, daß sich über vielleicht schon heute oder morgen notwendig werdende Maßnahmen zur Verbrauchssteigerung grundsätzlich streiten läßt. Aber nicht mit den Methoden, wie sie hier empfohlen werden. Wesentlich substantieller als diese indiskutablen Thesen zur Sicherung der wirtschaftlichen Expansion und in der Tat des Nachdenkens wert sind aber die Beweggründe, die bei dieser publizistischen Neuauflage überholter Rezepte Pate gestanden haben.

Agartz gründet seine nicht an die objektiven wirtschaftlichen Fakten gebundene, also politische Lohntheorie auf die Behauptung, daß die Tätigkeit der nach dem Zusammenbruch neugegründeten Wirtschafts- und Fachorganisationen, die "das Verbands- und Brancheninteresse geschickt mit dem Allgemeininteresse identifizieren", zu einer Politisierung der Wirtschaft geführt habe. Dieser Politisierung der Wirtschaft entspräche auf der anderen Seite eine "Entpolitisierung des Parlaments". Die staatliche Verwaltung fände es bequem, sich des Rates der Interessenvertretungen zu bedienen, die am Sitz der Regierung wie "Gesandtschaften" residierten. Die wirtschaftlichen Erfolge des einzelnen Betriebes seien oft weniger das Ergebnis eigener Anstrengung als der Verbandsarbeit: "Handels- und Gewinnspannen werden kollektiv festgesetzt. Der ‚freie Markt‘ ist in die Sitzungszimmer der Verbände verlegt, an die Stelle des Einzelwettbewerbs ist ein Gruppenwettbewerb ohne ruinöse Tendenz getreten – Diesen strukturellen Prozessen der Organisation, der Wirtschaft und ihrer Wirtschaftspolitik gegenüber ergibt sich die gewerkschaftliche Lohnpolitik von selbst."

Diese Rede von der Politisierung der Wirtschaft und der Verwirtschaftlichung der Politik ist nicht ungefährlich, besonders dann nicht, wenn damit ein Zustand gekennzeichnet werden soll, aus dem sich die Konsequenzen "von selbst" ergeben sollen. Die Tatsache selbst aber kann nicht übersehen werden, daß der Wettbewerb in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft nicht modellgerecht funktioniert und unsere Wirtschaft – nicht zuletzt allerdings und sogar ganz entscheidend unter dem Druck der kollektiv gehandhabten gewerkschaftlichen Tarifpolitik – Verhärtungserscheinungen aufweist, die ihrerseits wieder neue empfindliche Angriffs- und Einbruchsflächen von der politischen Seite her bieten. Die bisweilen recht "expansiv" spürbare Geschäftigkeit der Wirtschaftsverbände in Bonn ist ein nicht ungefährliches Spiel mit dem Feuer, mag dahinter auch eine noch so lautere Gesinnung und die Tatsache (angeblicher) wirtschafts- und sozialpolitischer Notwendigkeiten stehen.

Denn wie argumentiert Herr Agartz? Wenn die Landwirtschaft vom Gesichtspunkt ihrer Interessen höhere Preise für ihre Produkte fordert, wenn der Hausbesitz für sich den Anspruch auf höhere Mieten anmeldet, wenn der Kraftverkehr "gegen die Bundesbahn aufbegehrt", wenn Kohle, Eisen und Schrott ihre Interessen herausstellen, wenn die Forderungen, aller übrigen Interessenten mit dem Allgemeininteresse kollidieren, dann bleibe auch den Arbeitern, Angestellten und Beamten nichts anderes übrig, ihre Lohnpolitik entsprechend zu aktivieren. (Von echten Kosten ist also hier nicht die Rede.) Hinzugefügt wird allerdings: "in Abstimmung mit den Interessen der Allgemeinheit." Aber das ist ja doch wohl in diesem Zusammenhang eine nachträglich hereinkorrigierte Floskel, die die brutale Konsequenz dieser Gedankengänge wenigstens etwas abmildern soll. Was gemeint ist, ist klar: in dem Aktionsraum der kollektiv angesetzten Wünsche und Forderungen soll Macht gegen Macht gesetzt werden – wie es weiland Genosse Marx empfahl.

Es wird wenig nützen, angesichts dieser neuaufgelegten Klassen- oder Gruppenkampftheorie Zeter und Mordio zu schreien. Sinnvoller wird es sein, den Blick erneut und ernsthaft kritisch auf jene Fakten zu richten, die Bundeswirtschaftsminister Erhard gerade in letzter Zeit oft recht unverblümt angesprochen hat und die es, man denke darüber wie man will, doch immerhin möglich machen, daß die Fanfare einer aktiven und expansiven Lohnpolitik obigen Genres auch nur mit dem Schein einer in unsere Welt hineinpassenden Harmonie geblasen werden kann. Wolf gang Krüger