Von Ernst Kreuder

Es ist besser, las ich einmal, sich selbst zu ändern, als zu versuchen, diese verlorene Welt zu ändern. Und ich könnte mir denken, daß die Wirrnisse dieser Zeit nicht von gestern stammen. Wir wissen nicht, wo wir hergekommen sind, und nicht, wo wir hingehen werden, wenn uns die Temperatur verläßt, wenn wir kalt geworden sind und das Verwesen mit uns beginnt. Unser Selbst wird es nicht sein. Die Verwesung kann alles ergreifen, was sichtbar und greifbar ist, am Unsichtbaren muß sie unwirksam bleiben! Dieses Selbst wird von der Zeit nicht betroffen werden; könnten wir das Wesen der Zeit erkennen, wenn dieses Selbst der Zeit gehörte? Welchen Sinn hätte es nun, auf Dinge einzuwirken, welche rastlos vergänglich sind? Ich glaube nicht an die Mär von den sogenannten äußeren Bestimmungen! Daß ich dieses Leben bisher lebte, in dieser Gestalt, in diesem unverwechselbaren Schicksal, das verdanke ich weder meinen Eltern noch den materiellen Umständen, sondern einem zunächst unbekannten Autor, der dieses Stück meines Schicksals geschrieben hat. Man befürchte nicht, daß ich jemand eine geheime unerforschte Allmacht einreden möchte. Ich habe eher eine geheime, wenn auch nur schwache Ahnung, daß mir dieser Autor bekannter ist, als man vermuten sollte. Denn wenn dieses Selbst nicht von der Zeit betroffen wird, von der Verwesung nicht ergriffen wird, dann wird es wohl nicht hier entstanden sein, als meine Mutter mich aus ihrem Leibe in diese Welt hinausschickte. Das war in der Zeit. Dieses Selbst wird also schon früher dagewesen sein. Früher ist nicht das richtige Wort. Denn wo keine Zeit ist, ist nichts mehr spät oder früh.

Man kann natürlich auch übereinkommen, überhaupt nichts mehr zu erklären und jedes Geschehen dem puren losgelassenen Zufall zuschreiben. Dann lohnt es sich zum Beispiel auch nicht mehr, zu fragen, warum einer erstens in Europa, zweitens in Mitteleuropa, drittens in der Gegend von Frankfurt am Main geboren wurde, warum viertens ein bestimmter Mann sein Vater und fünftens dessen Frau seine Mutter wurde, sechstens, siebtens, achtens; denn allein seine Kindheit reicht für einen Sack voller Fragen schon nicht mehr aus. Man sehe sich nur einige Kindheitsunterschiede an, die sich die Phantasie nicht wüster aus dem Stegreif ersinnen könnte. Keine Vereinfachungen, keine Schwarzweißmethoden, wie sie in Parteiversammlungen und auf Wahlplakaten üblich sind! Nicht das rachitische Kind in der schimmligen Kellerwohnung eines Hafenviertels, Verbrecherviertels, Bordellviertels, und auf der anderen Seite der Stadt, Westend, Villenviertel, Vorgärten, Garagen, stille Straßen, Chauffeur, Köchin, Kindermädchen und die Vorfahren in gerahmten Stichen an den tapezierten Wänden im Treppenhaus, das wäre zu drastisch und zu billig, das hätte den Geruch von Klassenneid und Klassenstreit; so bunt muß man das gar nicht machen, es geht auch anders und man merkt noch mehr, wie sich das abspielt, in der gleichen Straße, im gleichen Haus, zwischen Brüdern, zwischen Schwestern: welche Stücke sind da schon geschrieben worden, und von welchen Autoren, und wenn das nicht die Melodie, der Bänkelsang des blinden und stummen, des tauben und wahllosen Zufalls ist, dann ist’s was anderes, und da es keine Stücke ohne Autoren gibt, so ist dieser Autor etwas früher dagewesen als die Hebamme und hat sein Stück geschrieben, und nun kann es beginnen! Behaupten wollen wir nichts, und doch ahnt mir manchmal, als sei mir der Autor bekannt, als sei ich gar mit ihm verwandt. Fällt jemand etwas auf? Man sollte jetzt sehr vorsichtig bleiben und nicht mit einem Dogma wie mit dem Holzhammer argumentieren. Erlaubt ist gerade noch zu sagen: es könnte sein.

Es könnte etwas dran sein, nämlich an diesem Selbst, das nicht in dieser Zeit entsteht, das der Vergänglichkeit noch immer widersteht, das diesem Wandel hier entgeht, und dieses Selbst ist uns bekannt. Nun keine Theorien, nur Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, lauter Vielleichte. Vielleicht hat dieses Selbst die Fähigkeit, Stücke zu schreiben, vielleicht kommt es als Autor in Betracht, ehe die Mutter in die Wehen kommt. Wie wäre das? Wie sieht das aus? Behaupten wollen wir nichts, denn wir kennen die Zusammenhänge nicht und nie, und es wäre ebenso vermessen wie kurzsichtig, zu sagen, ich schreibe mir mein Stück, ich bin mein Selbst, und so schrieb ich längst dies alles hier, bevor die Mutter mich noch unterm Herzen trug. Und doch, und doch, vielleicht und sogar sehr vielleicht bin ich an meinem Selbst nicht mehr so gänzlich unbeteiligt, und somit auch an allem, was geschah, geschieht und noch geschehen wird. Erinnern wir uns der Worte des Emanuel Swedenborg: "Das Angesicht des Körpers stammt von den Eltern her, das Angesicht des Geistes aber aus seiner Neigung, deren Bild es ist."

Ich sagte, es könnte einen Autor geben, der sein Stück geschrieben hat, bevor die Hebamme ins Zimmer tritt. Dieses Zitat eines berühmten und gelehrten Mannes könnte ein Hinweis sein, der meine Vermutung wahrscheinlich macht; denn es könnten unsere Neigungen sein, die uns dieses Schicksal beschert haben, die Neigungen aus einem früheren Lebenslauf, so daß wir heute und hier wiederum die Autoren sind, die schon die Stücke für die nächsten Schicksale schreiben, weil dieses Selbst nicht untergeht, von allen Verwesungen nicht einen einzigen Flecken bekommen wird. Wir können unsere Neigungen hier noch ändern. Nichts in der Welt kann uns zwingen, einer Neigung zu folgen, wenn wir ihr nicht mehr folgen wollen, wenn wir entschlossen sind. Denn wir sind es selbst, wir sind jede Neigung selbst, solange wir ihr folgen. Und wir sind noch etwas anderes. Nämlich die Instanz, dies zu erkennen. Die Instanz, die Dinge mit einem Namen zu benennen und unter ihnen zu wählen. Wenn wir eine Neigung nicht länger nähren, geht sie ein, verdorrt, welkt, verwelkt. So ist dieses Selbst also imstande, sich aus jeder Neigung zurückzuziehen, wohin? In die reine Zeit?

Dorthin, wo keine Stücke mehr geschrieben