Wir hörten:

In diesen Tagen, wo die Teilung des NWDR so lebhaft diskutiert wird, gab es eine – wohl unbeabsichtigte – Demonstration der Einigkeit: der Intendant des NWDR Hamburg, Ernst Schnabel, sprach im Programm des NWDR Köln die Einleitung zur Sendung von Thomas Wolfes einzigem Drama "Das Herrenhaus". Die funkpolitische Aktualität war gewiß nur Zufall. Denn Schnabel sprach nicht als Intendant. Er sprach zu den Hörern als Kenner und Liebhaber des Dichters Thomas Wolfe. Wirklich sichtbar machten seine Worte den "Zwei-Meter-Mann aus North Carolina", der seinen überhohen Wuchs als Auszeichnung und als Verhängnis zugleich erlebt hat und dessen Werke aus dieser von der Natur ihm aufgenötigten und von seinem dichterischen Ingenium so großartig ertragenen physischen Entrückung in die Einsamkeit über allen anderen Menschen verstanden werden müssen. Das gilt nicht nur für die Romane, sondern auch für das Drama, das der Dreiundzwanzigjährige 1923 schrieb und das aus einem sehr einfachen Grunde im Funk, sogar unbearbeitet, deutlicher werden konnte als auf der Bühne: die Hauptgestalt, der junge tragische Rebell Eugene, ist ein Mann, für den alle Türen zu niedrig sind. Der Hörer kann sich das ohne Mühe vorstellen, während er Ulrich Haupts – er sprach den Eugene – verzweifelte Anklagen gegen die alte Herrschaftsordnung in den Südstaaten der USA auf sich wirken läßt. Die ungemeine Kunst vehementen Sprechens, die diesen Darsteller auszeichnet, kommt im Funk viel reiner zur Geltung als auf der Bühne, wo das Normalmaß seines Körpers der Phantasie zuwiderläuft. Daher mußten sich wohl bei der Düsseldorfer Aufführung, die die gleiche Besetzung hatte wie die Funksendung, die Gewichte verlagern, so daß Eugenes Vater, der mit vollem Bewußtsein scheiternde General (Gustaf Gründgens), im Theater schon als Erscheinung dominierte. Die Funkaufführung renkte das wieder ein. Gründgens, sehr diskret, trat in den Mittelgrund des Bildes, den Wolfe ihm zugewiesen hat, und ließ dem Sohn, also der dichterischen Selbstgestaltung Wolfes, den Vordergrund. Die Sterbeszene des Generals ergriff dadurch nur um so stärker, als Todesstunde der alten Ordnung.

Wir werden sehen:

Freitag, 29. Januar, 21.00 im NWDR:

Nach Ablauf eines Jahres Fernsehprogramm wird zum erstenmal die Wiedergabe einer dramatischen Dichtung von hohem Rang und intimer Wirkung versucht: Hans Schalk, der Bochumer Intendant, inszenierte in vierwöchiger Probenarbeit Goethes "Stella". In den Hauptrollen dieses "Schauspiels für Liebende", das mit dem Schluß der Urfassung gegeben wird: Anneliese Römer, Maria Pierenkämper und Heinz Klingenberg.

Wir werden hören:

Donnerstag, 28. Januar, 21.25 aus Bremen: