Von Erika Müller

Erregte strahlende Gesichter junger Mädchen, jubelnde Halbstarke, die grelle Begeisterungspfiffe ausstoßen, wogende Menschenmengen, begeisterte Volksaufstände, Polizei in fröhlichem oder ärgerlichem Handgemenge kann man in diesen Wochen im abendlichen Lichterfluten in vielen Städten von Aachen bis Hannover, von Düsseldorf bis München beobachten. Menschen, die sich im Rausch gleicher Zuneigung finden. Sie gilt Filmstars und wird in der gleichen Vehemenz heute beinahe nur noch Sportlern und Jazzkönigen dargebracht. Sie ist seit 1945, unserer neuen Zeitrechnung, ständig gestiegen und übertrifft in ihrem Umfang erheblich die Huldigungen, die einst Schauspielerinnen wie Sarah Bernhardt empfingen in jenen für große Gesten empfänglichen Zeiten, da man den Angebeteten die Pferde noch ausspannen und sich dazu hinreißen lassen konnte, Mäntel als Teppiche auszubreiten. In Hollywood staunt man und wundert sich, wie in Europa und besonders in Deutschland selbst wenig gefeierte amerikanische Stars umjubelt werden. Sie haben hier, ebenso wie die Jazzgrößen, bedeutend mehr Chancen als in den Staaten. Nun, drüben ist das Fernsehen noch nicht verbreitet, sagt man in Hollywood. In Amerika hat erst in den letzten Monaten durch kostspielige, aber Neugier erweckende und daher in der Spekulation richtige Experiimente mit neuen Techniken, wie Cinerama und Cinemaskope, die Kinobesucherzahl erheblich zugenommen, die seit dem Jahr 1947 ständig gesunken war.

Man möchte hoffen, daß in Deutschland die Begeisterung der Besucher ein Ausdruck für die endlich bessere Qualität der Filme ist. Ist sie es? Oder ist der Taumel der Menge nichts als ein Schrei, um die Langeweile zu übertönen, nichts als ein Zeichen, daß man nichts mit sich selber und seinem eigenen Leben anzufangen weiß und sich der Massenanbetung erträumter Ebenbilder hingibt, die im Dunkeln des Kinos auf der hellen Leinwand wie auf schönen Inseln der Geborgenheit wohnen, wohin man sich aus den Enttäuschungen des Lebens und der Unsicherheit des Alltags für ein paar Stunden retten kann? Alle Filmtitel dieser Kategorie reimen sich auf Liebe. Aber auch jene Enterbten und Verfolgten auf der Leinwand sind beliebt, die keine Nervosität kennen und keine Furcht. Überwinder der Lebensangst! Was das Leben nicht bringt, spendet sowohl die zuckersüße als die harte Illusion.

Aber die Qualität des deutschen Films ist tat-. sächlich viel besser geworden. Wir deuteten es im September bei der Besprechung des Films "Solange du da bist" ("Die Zeit", Nr. 36) an, und seitdem ist es immer wieder bestätigt worden. Auch ausländische Filmexperten, die Deutschland bereisten, haben sich dazu geäußert. Laszlo Benedek, Regisseur des Films "Tod eines Handlungsreisenden", sagte kürzlich: "Ich habe überall gehört, der deutsche Nachkriegsfilm sei so schlecht. Die wenigen, die ich sah, waren gut. Nur die männlichen Darsteller gefallen mir nicht." Er nahm "Film ohne Titel" und "Solange du da bist" mit in die Staaten. Im Sommer wird er in Deutschland Tucholskys "Schloß Gripsholm" verfilmen. Und Werner Katzenstein, der seit 23 Jahren in Argentinien lebt, schrieb in einem Aufsatz "Wiedersehen mit Deutschland" in der Fachzeitung "Der Film": "Das Niveau der Filmproduktion ist in der ganzen Welt in den letzten Jahren gesunken. Auf den Filmfestspielen werden nur allzu häufig Filme preisgekrönt, die ,gekonnt‘ sind, ein gutes Geschäft sein mögen, aber keine Kunstwerke, die auch in fünf oder zehn Jahren noch etwas zu sagen haben. Die Zahl jener Filme von internationalem unveränderlichem, Wert, wie sie früher auch in deutschen Ateliers entstanden sind, ist in der letzten Zeit in der ganzen Welt gering geworden." Auch dieser Besucher Deutschlands wendet sich gegen den deutschen "Film-Minderwertigkeitskomplex", da die letzten deutschen Filme durchaus mit den mittelmäßigen des Auslandes konkurrieren könnten. Das ist kein großer Trost.

Aber der Film als Kunstwerk? Wo bleibt der deutsche Spitzenfilm? Seit etwa einem halben Jahr gibt es eine Gilde der Filmkunsttheater in der Bundesrepublik, die in vielen Großstädten solche Spezialkinos (in Berlin drei) unterhalten. Sie möchten jene anspruchsvollen Leute für das Kino gewinnen, die bisher nur Theater, Konzerte oder Kabaretts besuchten, die den landläufigen Film scheußlich finden und die Zeit dafür nicht verschwenden. Diese Filmkunsttheater müssen ihr Programm noch immer zum großen Teil mit Stummfilmen bestreiten, aus der großen klassischen Zeit des Films mit künstlerischem Impuls, wenn man die Entwicklung bis heute betrachtet. Sie richten unermüdlich eine herzliche Einladung an die deutschen Filmproduzenten: "Besucht recht oft unsere Kinos, damit ihr seht, wie man gute Filme macht."

Der Begeisterungstaumel der Filmenthusiasten gilt in den letzten Wochen vor allem dem Film "Königliche Hoheit", der in einigen Kinos schon fünf Wochen läuft (Hamburg, Passage-Theater). In dem Bericht eines Filmfachblattes über die "Bilder einer königlichen Reise" heißt es im Filmjargon: "Als sich der Wagen mit Dieter Borsche und Ruth Leuwerik (den Hauptdarstellern) in Wuppertal millimeterweise durch die Menschenmasse schob, rief eine vergnügte Eingeborene reifen Alters, stolz ob des fulminanten Aufstandes und der Begeisterungsfähigkeit ihrer Landsleute, ins Wagenfenster: ‚Die Wuppertaler sind die Spanier von Deutschland.‘ Bemühte und bis zur Erschöpfung ringende Polizei mußte vor so viel Begeisterung kapitulieren. Der Versuch (vor einem Kino in Düsseldorf) durch Schließung der eisernen Hoftore einen Stop im Zustrom der Autogrammwütigen eintreten zu lassen, mißlang völlig. Männlein und Weiblein überstiegen die hohe Mauer, drückten und quetschten sich."

Aus allen Städten erklang das Lob dieses bisher "geglücktesten deutschen Nachkriegsfilms". Harald Braun hat einen sauberen Film gemacht, kein Zweifel. Die Farbe ist für dieses Kolorit eines kleinen Residenzstädtchens um 1912 besonders glücklich verwandt, die Schauspieler sind sehr gut geführt, außer den Hauptdarstellern hervorragend eine ganz neue Lil Dagover als verstörte Gräfin Löwenjoul, Günther Lüders vollendet in der Studie eines Kammerdieners, Heinz Hilpert als amerikanischer Millionär und Mathias Wiemann auf der Hut vor der Gefahr der Übertreibung in der gefährlich ausgeweiteten Rolle des Lehrers Überbein. Der literarische Wert des Romans von Thomas Mann war nicht wiederzugeben. Bis auf eine eingefügte Szene vom Aufstieg eines Fesselballons ist kein verlockender Versuch gemacht worden, dokumentarisch Zeitgeschichte zu filmen. Die auf der Hand liegende Möglichkeit, witzige Parallelen vom verarmten Deutschland und dem reichen Onkel aus Amerika zur heutigen Situation anzudeuten, wurden ängstlich versäumt. Der Film ist eine auf den liebenswürdigen Ton "Es war einmal" abgestimmte Mischung von märchenhafter Atmosphäre und Ironie, die das Buch vorschreibt, aber dennoch nichts weiter als die zehntausendste Wiederholung des Themas "Liebe" in der Perfektion, die schon die Ufa meisterlich beherrschte. Das Paar Borsche-Leuwerik hieß schon oft Willy Fritsch-Lilian Harvey oder ähnlich. Das Milieu der kleinen Residenz aber, so dachten wir, ist in Deutschland schon zu Tode gefilmt, mit Ernst, mit Scherz und Ironie. Aber der hohe Kurs von Hoheiten heutzutage scheint eine neue Welle heraufzuspülen.