III. Gewaltsame Polonisierung im südlichen Teil – Potemkinsche Dörfer – Ein Bericht aus unseren Ostgebieten

Nach dem Bericht über die heutigen Zustände im sowjetrussisch regierten nördlichen Teil Ostpreußens schließen wir heute mit einem Überblick über den südlichen größeren Teil der alten deutschen Provinz, den jetzt die polnische KP-Regierung verwaltet (ausgenommen den westlichen Teil des ehemaligen Regierungsbezirks Westpreußen). Wie unsere Leser wissen, gibt es in den Ostblockländern keine Informationsfreiheit. Es ist außerordentlich schwer, aus den erreichbaren Quellen ein genaues Bild über den jetzigen Zustand der einst blühenden Provinz zu erhalten. Die Tatsachen müssen aus vorsichtig abgefaßten Briefen, aus Aussagen einzelner Spätvertriebener und aus polnischen und russischen Veröffentlichungen ermittelt werden. Unser Fortsetzungsbericht "In Ostpreußen heulen die Wölfe" sollte dazu beitragen, die sorgenvolle Ungewißheit um das Schicksal der dort verbliebenen Menschen zu erhellen.

Über den südlichen Teil Ostpreußens herrscht ein polnischer Wojewode. Sein Sitz ist Allenstein, das heute Olsztyn heißt, und seine Aufgabe ist, das Land zu "polonisieren". Zuerst glaubte die Wojewodschaften Ostpreußen leichtes Spiel zu haben. Ja, die polnischen Kommunisten schienen nach Kriegsende überzeugt, daß zunächst die Menschen masurischer Abstammung nur darauf gewartet hätten, für Polen optieren und den polnischen Staatsbürgerschein ("Obywattelstwo") entgegennehmen zu dürfen. Sie waren daher sehr erstaunt, gerade in Masuren auf großen Widerstand zu stoßen. Die Zahl der freiwilligen Optanten blieb äußerst gering, obwohl man es ihnen sehr leicht machte: Wer einen polnisch klingenden Namen trug oder seine Abstammung als "Masovier" nachweisen konnte, wurde sogleich als Pole anerkannt. Und doch mußten die Polen Zwang und Terror anwenden, bis sie jene "Freiwilligen" fanden, die sich der "großen nationalen polnischen Nation wieder zuführen" ließen.

Bei Kriegsausbruch lebten im südlichen Ostpreußen 1 322 285 Menschen. Über die heutige Bevölkerung sagt eine polnische Statistik, die sich mit der Konfessionszugehörigkeit beschäftigt, etwas aus. Danach befanden sich im Frühsommer des Jahres 1953 in Südostpreußen 761 000 Katholiken, 93 000 Protestanten, 4200 Orthodoxe, 2100 Mohammedaner und 6000 Glaubenslose. Eine deutsche Erhebung vom 17. Mai 1939 (immer auf Süd-Ostpreußen bezogen) hatte folgende Zahlen ergeben: 340 578 Katholiken, 915 346 Protestanten, 10 164 andere Christen, 1868 sonstige Religionsgesellschaftsmitglieder, 12 856 Gottgläubige, 2401 Glaubenslose und 240 ohne Angabe.

Unbekannte Zahlen

Die Polen sagen, daß unter den angegebenen 761 000 Katholiken eine Gruppe von 59 000 "Angehörigen der Minderheit" sei: das ist der Rest der ehemaligen deutschen 340 578 Katholiken. Die polnische Zahl der 93 000 Protestanten bezieht sich erst recht auf Deutsche, denn unter den polnischen Zuwanderern waren keine evangelischen Christen. Nach dieser Rechnung würden sich noch 152 000 Deutsche in Süd-Ostpreußen befinden. Dem steht freilich eine westdeutsche Schätzung gegenüber, die von nur 75 000 Deutschen in ganz Ostpreußen spricht. Doch muß man wohl bedenken, daß von unserer Zahl der 152 000 verbliebenen Deutschen die Optanten abgerechnet werden müssen. Wenn aber, wie die polnischen Angaben sagen, 32 bis 34 vom Hundert für Polen optiert haben, muß man annehmen, daß ungefähr 100 000 Deutsche nicht optierten. Tatsächlich sind auch bisher die Anschriften von mehr als 80 000 Deutschen in Süd-Ostpreußen festgestellt worden.

Während im sowjetisch annektierten nördlichen Teil Ostpreußens neue Siedler zwangsweise beschafft werden mußten, fanden sich im polnisch verwalteten Teil viele Freiwillige ein. Aber was für Leute kamen ins Land! Arbeitsscheue, polizeilich Gesuchte, Beutegierige. Sie an die Arbeit zu bringen, ist nicht gelungen. Die Fluktuation der Bevölkerung ist sehr hoch. Das Rückgrat der Landwirtschaft sind nach wie vor die Deutschen und die Masuren. Diesen hat man daher – auch wenn sie nicht optierten – in Tausenden von Fällen die Höfe belassen.