Obwohl angesichts der Berliner Konferenz an den Börsen eine gewisse Unsicherheit verständlich gewesen wäre, konnten sich die Aktienmärkte im allgemeinen gut behaupten; auf vielen Gebieten gab es sogar noch annehmbare Gewinne. Ohne Zweifel trägt die gegenwärtige Geldflüssigkeit zur stabilen Haltung der Märkte bei. Die "Geldschwemme" hat sich in den ersten Januarwochen durch die aus Jahresbilanzgründen freiwerdenden Mitteln verstärkt. Während sie im Vorjahr zu einem Teil durch die Bundesanleihe aufgesogen stand jetzt lediglich die Siemens-Anleihe zur Verfügung, die jedoch nicht im entferntesten ausreichte, um die Geldflüssigkeit einzuengen. Selbstverständlich wurden auch die übrigen DM-Emissionen, die zu gleicher Zeit oder später auf den Markt kamen, rasch abgesetzt, desgleichen die 7 1/3-v.-H.-Anleihe des Landes Schleswig-Holstein (30 Mill. DM), und an dem Erfolg der 7 1/2-v.-H.-Anleihe der Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianhütte AG. Sulzbach-Rosenberghütte (15 Mill. DM) dürfte kein Zweifel bestehen. Über die 5-v.-H.-Lastenausgleichsanleihe werden von den Banken ebenfalls günstige Prognosen, gestellt. Eine endgültige Änderung der Geldmarktsituation wird vermutlich erst dann eintreten, wenn der Bund seine Anleihen in der im außerordentlichen Haushalt angedeuteten Größenordnung von 1 bis 1,2 Mrd. DM aufzulegen gedenkt.

Bei den RM – Renten drängte die Nachfrage die Industrie-Obligationen geringfügig nach oben. Nicht ganz so einheitlich ist die Tendenz bei den RM-Hypothekenpfandbriefen, bei denen die jeweilige Laufzeit eine gewichtige Rolle spielt.

Auf dem Montanmarkt, der sich wieder mehr in den Vordergrund gespielt hat, interessierten vor allem die Liquidationsscheine der Ver. Stahlwerke. Diese kamen vorübergehend bis auf 224 v. H. Rechnet man den damaligen Abschlag von 15 Punkten für die Herauslösung der Rheinstahl-Union-Aktien diesem Kurs hinzu, dann wurde der absolute Höchstkurs von 246 v. H. fast erreicht. Günstig beeinflußt wurde der Kurs der Liquidationsscheine durch die gestiegene inoffizielle Bewertung der Stahlvereins-Nachfolger, von denen die reinen Zechengesellschaften neuerdings einen besseren Markt haben. Im übrigen spricht man in Düsseldorf davon, daß ein Teil der Großaktionäre die ihnen auferlegten Besitzveränderungen bereits jetzt vornimmt. Der zum Wochenschluß eingetretene Kursabschlag wird in Börsenkreisen auf Nachrichten zurückgeführt, die davon sprechen, daß sich die Stahlvereins-Entflechtung länger als ursprünglich vorgesehen hinziehen wird.

Zu einem für die Börse ungemein bedeutungsvollen Schritt hat sich die Verwaltung der Gutehoffnungshütte entschlossen, als sie ihren Aktionären die Ausgabe von Inhaberaktien vorschlug. Damit sollen die von den Alliierten erzwungenen Namensaktien wieder. abgeschafft werden. Das kann geschehen, wenn sich für diesen Vorschlag eine Zweidrittelmehrheit in der HV findet, an deren Zustandekommen allerdings kaum gezweifelt werden kann. Wenn dieser Schritt auch nicht zu verallgemeinern ist, so macht man doch den Anfang für die Beseitigung der börsentechnischen Schwierigkeiten, die der Handel in Namensaktien mit sich bringt. Der Vorstoß der GHH-Verwaltung brachte den Aktien einen vorübergehenden Gewinn.

In der Chemie-Gruppe dominieren die IG-Farben und ihre Nachfolger. Der Handel in Liquidationsanteilscheinen war weiterhin recht lebhaft, dennoch konnte ein langsames Absinken nicht verhindert werden. Zu neuen Höchstkursen kamen dagegen die Nachfolgegesellschaften, die vermuttlich mit ansehnlichen Dividenden aufwarten werden. Diese Gesellschaften haben jetzt Kurse erreicht, die fast das Doppelte der durchschnittlichen Montankurse betragen. Ob dieser Unterschied auf die Dauer gerechtfertigt ist, wird sich erweisen müssen. – Von den übrigen Chemie-Papieren kamen Rütgers, Chemische Albert, Th. Goldschmidt und Riedel de Haen zu neuen Erfolgen. Schering tendierte uneinheitlich – eine Rückwirkung auf die Unsicherheit in der Bewertung des immer noch beschlagnahmten USA-Vermögens.

Bei den Banken lief die Tendenz insofern parallel zum IG-Farben-Markt, als auch hier die Großbankaktien eher nachgaben und dafür die Nachfolgeinstitute kleinere Gewinne buchen konnten. Die Restquotenkurse fielen andererseits um 1 1/2 Punkte zurück. In der Entschädigungsfrage für die Reichsbank-Anteilseigner haben sich die Fronten Versteift, so daß die Zeit großer Spekulationen in diesem Papier zunächst vorüber sein dürfte. Reichsbank lag ziemlich konstant bei 78 und Dt. Golddiskontbank bei 49 v. H.

Eine interessante Bewegung verzeichnen die Reederei-Aktien, wo Hapag mit einer neuen Spitzenbewertung von 50 1/4 v. H. herauskam, die offensichtlich auf Arrondierungskäufe zurückgeht, deren Ursprung bei dem neuen Großaktionär Stinnes/Schuchmann zu suchen ist. Von dieser Bewegung leicht mitgezogen wurden die Aktien des Norddt. Lloyd, die bis auf 37 v. H. kamen.