Dd., Wiesbaden

Seine Beteiligung an dem öffentlichen Ratespiel "Die große Chance", das der Hessische Rundfunk am 17. Dezember 1953 in Limburg veranstaltete, ist dem Limburger Oberprimaner Volkart Bode zum Verhängnis geworden; der Regierungspräsident in Wiesbaden hat ihm die Zulassung zur Reifeprüfung verweigert. Bode hat nach Auffassung des Limburger Lehrerkollegiums "den Ruf der Schule in der Öffentlichkeit gefährdet".

Quizmeister Kuhlenkampff vom Hessischen Rundfunk hatte drei Herren aus dem Publikum – darunter Bode – aufgefordert, sich als "Talentsucher" zu betätigen und innerhalb von zwanzig Minuten außerhalb des Saales irgendwo in Limburg eine Dame aufzutreiben, die bereit und willig sei, vor dem Mikrophon eine Probe ihrer Singekunst abzulegen. Während die beiden anderen Talentsucher nun auf die Jagd nach geeigneten jungen Damen gingen, griff sich Bode ein vorlautes siebenjähriges Mädchen. Kuhlenkampff weigerte sich zunächst, das Kind auftreten zu lassen, gab aber dann doch dem Drängen des Publikums nach. Die Kleine sang eine recht zweideutige Parodie auf den Schlager "Was eine Frau im Frühling träumt..." Sie erhielt zwar den ersten Preis, versetzte aber den Hessischen Rundfunk in ein arges Dilemma, das dieser nur durch das Herausschneiden der gesamten Talentsucher-Darbietungen lösen zu können glaubte. Die Sendung erhielt dadurch einen argen Schönheitsfehler.

Noch folgenschwerer aber war der Schönheitsfehler, den das Lehrerkollegium dem Abgangszeugnis Bodes zufügte. Der Oberprimaner erhielt einen Verweis mit dem Bemerken, er werde von der Schule verwiesen, wenn er sich noch einmal etwas zuschulden kommen lassen würde. Das wäre noch angegangen; aber das Schuldezernat des Regierungspräsidenten ging weiter und versagte ihm die Zulassung zum Abitur. Gegen diese drakonische Entscheidung hat der Vater des Gemaßregelten, Landwirtschaftsrat Dr. Bode jetzt energischen Protest eingelegt. Er sagt, man könne seinem Sohn nicht die volle Verantwortung für den frivolen Liedvortrag des Mädchens aufbürden; das Kind habe ihn in der Gesellschaft von Erwachsenen gelernt und nicht erst bei dem Oberprimaner.

Für die Auffassung des Vaters spricht gewiß auch die Tatsache, daß der Leiter jener Rundfunksendung keine klarere Haltung eingenommen hatte, als der Gymnasiast, indem er erst verbot, dann erlaubte, dann prämiierte, dann herausschnitt... Aber in Limburg an der Lahn herrschten schon immer besonders strenge Sitten...