Rom, im Januar

Mitten in der politischen Krise, während sich noch Fanfani bemühte, eine neue Regierung zu bilden, meldete die New York Times daß die Vereinigten Staaten Italien zu radikaleren Maßnahmen gegen die wachsende Macht der kommunistischen Partei anstacheln und unter anderem keine Aufträge mehr an solche italienische Fabriken vergeben wollen, die von Kommunisten "beherrscht" werden. Wenn die New York Times das Wort "beherrscht" (englisch dominated) verwendete, so wollte sie damit offenbar sagen, daß solche Fabriken einen starken Prozentsatz kommunistischer Arbeiter haben, woraus ja aber nicht folgt, daß irgendwelche großen italienischen Betriebe von den Kommunisten geleitet werden, denn hierfür wäre nur ein einziger, sehr sporadischer Fall in einer Präzisions-Instrumenten-Fabrik in Florenz anzuführen, wo aber der betreffende Ingenieur inzwischen entlassen worden ist.

Die Meldung der amerikanischen Zeitung erinnerte daran, daß allein im vergangenen Jahr die USA für im ganzen 400 Millionen Lire Flugzeugmaterial, Minensuchboote, Munition, Radargeräte und anderes Kriegsmaterial bestellt haben, und fügte hinzu, es liege nicht in den Absichten des Weißen Hauses, Italien weiterhin zu helfen, das bis jetzt nichts unternommen habe, um die kommunistische Gefahr zu bekämpfen, obwohl Amerika seit langem darauf dringe. Es sei sogar vorgekommen, daß die italienischen Kommunisten bei gewissen amerikanischen Aufträgen behauptet haben, diese seien nur ihrer Aktivität zu verdanken. Was aber nicht in der Meldung steht, ist dies: die Amerikaner ließen schon öfter in Rom wissen, daß sie nicht die Absicht haben, kommunistischen Belegschaften Fertigungspläne und -geheimnisse anzuvertrauen.

Diese Korrekturen lassen aber den Hauptpunkt der Meldung unangetastet: das State Department hat eine Warnung erteilt, die unter gewissen Gesichtspunkten auch begründet ist, denn man muß zugeben, daß in Italien zu Zeiten der Regierung de Gasperi zwar dies und jenes geschehen ist, um die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern, aber praktisch nichts, um den Kommunismus offen zu bekämpfen. Man ging indirekt und nicht direkt vor. Dazu muß aber gesagt werden, daß auch die Maßnahme, zu der sich die Amerikaner entschlossen haben, gewisse Gefahren in sich birgt. Hier wäre zuerst die psychologische Wirkung auf die italienischen Arbeiter in Rechnung zu ziehen, aber diese ist gewiß weniger ernst als es die Konsequenzen wären, die die Anwendung der Maßnahme selbst mit sich bringen würde. Denn durch die Stornierung der Aufträge würde die Arbeitslosigkeit wachsen, und die kommunistischen Agitatoren würden nicht zögern, dafür die USA verantwortlich zu machen.

Es ist außerordentlich schwer, genau zu bestimmen, welches Gewicht in den Belegschaften italienischer Fabriken die Kommunisten tatsächlich haben. Viele Arbeiter haben das Mitgliedsbuch der Parteien Nennis und Togliattis ausschließlich aus dem Grunde, damit sie arbeiten können. Der Direktor einer der größten metallurgischen Werke hat gesagt, die Streiks wären in Italien an dem Tage allesamt zu Ende, an dem jeder arbeitswillige Arbeiter die Garantie hätte, daß er an seinem Arbeitsplatz geschützt ist; denn an diesem Tage würde ganz von selbst die kommunistische Partei ihre Macht verloren haben. Lehrreich und symptomatisch dafür ist der Fall eines Generals, der einen vertraulichen Bericht über seinen Chauffeur erhielt, in dem stand, daß dieser Kommunist sei, und sich den Mann, den er als tapferen und sehr ordentlichen Soldaten kannte, kommen ließ. "Stimmt es, daß du Kommunist bist?" fragte er ihn aus heiterem Himmel. Der Chauffeur wurde rot und antwortete: "Herr General, ich habe eine Familie zu ernähren, und wenn ich nicht das kommunistische Mitgliedsbuch habe, lassen sie mich nicht arbeiten." Der italienische Arbeiter ist kein Dummkopf. Es gibt zwar viele Fanatiker, aber es gibt auch viele, die so denken wie jene zwei Arbeiter aus Sesto San Giovanni, der Vorstadt von Mailand, die allgemein das "italienische Stalingrad" heißt: "Die Revolution", sagt der eine zum anderen, "kann nicht kommen. Wir müssen ja Arbeit haben, und um Arbeit zu haben, brauchen wir Amerika."

Man wird sagen, daß an den vielen Streiks die Tendenz, mehr zu arbeiten, und sich dem Einfluß der Kommunisten zu entziehen, nicht abzulesen sei. Aber das ist ein falscher Eindruck. 1949 gingen noch in jedem Monat 62 Millionen Arbeitsstunden durch Streik verloren. Im folgenden Jahr stieg die Zahl der Beschäftigten auf das Doppelte, und doch betrug die Zahl der verlorenen Arbeitsstunden nur noch 52 Millionen im Monat. 1952 fiel diese Zahl auf 16 Millionen und im ersten Halbjahr 1953 sogar auf wenig über zwei Millionen.

Wie steht es nun mit der Zahl der gewerkschaftlich organisierten Kommunisten in den Betrieben? Die Gewerkschaft der Christlich-Demokratischen Arbeiter hat im vorigen Jahr eine Schätzung veröffentlicht, wonach etwa 54 v. H. der Belegschaften der kommunistischen Gewerkschaftsorganisation angehören. Dagegen ist das Institut für Auswärtige Beziehungen in der amerikanischen Universität Cornell auf Grund seiner Untersuchungen zu einer Schätzung von etwas über 63 v. H. gelangt, und dieses Ergebnis stimmt nahezu überein mit einer Enquete des bekannten Industriellen Dr. Adriano Olivetti, der die kommunistischen Gewerkschaftler in Norditalien, dem hauptsächlichen Industriegebiet, auf 65 v. H. der gesamten Arbeiterschaft schätzt.

Andere Daten stehen nicht zur Verfügung. Wahr ist jedenfalls, daß auch heute noch der kommunistische Einfluß in den italienischen Fabriken erhebliche Bedeutung hat, was jedoch nicht ausschließt, daß sich die Lage zum Besseren verändern läßt – sei es, daß man die Methoden anwendet, die man der Botschafterin Booth-Luce und ihrer Regierung zuschreibt, sei es, daß man dem Vorschlag des schon genannten italienischen Industriellen folgt, der Sicherheit und Schutz für jeden Arbeitswilligen verlangt. Italo Zingarelli