Anfang Januar begab sich Gunnar. Myrdal, Chef der Europäischen Wirtschaftskommission der UNO in Genf, nach Moskau, um in der sowjetischen Hauptstadt, anschließend in Warschau und jetzt in Stockholm die letzte Hand an die Vorbereitung jener Ost-West-Handelskonferenz zu legen, die am 20. April in Genf stattfinden soll.

Schon im vergangenen Frühjahr hatte Myrdal, dessen Amt das einzige in Europa ist, wo Vertreter von West und Ost sozusagen an einem Tisch zusammensitzen, eine solche Konferenz veranstaltet. Damals bestand jedoch noch nicht die Absicht, auf dieser Konferenz zu definitiven Handelsverträgen zu kommen. Es waren deshalb auch keine offiziellen Handelsvertragsdelegationen geladen worden, sondern "Außenhandelssachverständige", um vorerst einmal festzustellen, ob es für eine Wiederbelebung des Ost-West-Handels überhaupt die entsprechenden Voraussetzungen gab – nämlich ein beiderseitiges Interesse, das in Waren auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden konnte. Diese Beschränkung der Konferenz auf Sachverständige hatte es ermöglicht, daß sich sowohl Westals auch Mitteldeutschland daran beteiligen konnten, nicht als Vertreter ihrer offiziell nicht anerkannten "Staaten" und "Regierungen" (weder ein Gesamtdeutschland noch seine beiden derzeitigen Teile sind ja in der UNO), sondern als Fachleute aus der deutschen "West"- und der "Ost"-Zone ...

Das Ergebnis dieser Konferenz war in grundsätzlicher Hinsicht ein Erfolg. Ein Erfolg nicht etwa, weil sich die praktischen Ergebnisse an der Zahl von westöstlichen Handelsverträgen ablesen ließen, die im Anschluß daran abgeschlossen wurden, sondern weil man auf beiden Seiten zu sehr wesentlichen Erkenntnissen gekommen war.

Der Westen erkannte, daß der Osten tatsächlich "Handel". meinte und nicht, wie besonders die-Amerikaner befürchtet hatten, die Versorgung mit kriegswichtigen Gütern der Embargo-Liste. Die Handelswünsche des Ostens erstreckten sich nämlich in überraschend großem Umfang auf Konsumguter, die der Westen nur allzu gern zu liefern bereit war. Zuerst glaubte man an einen Trick, an eine neue "Komponente" östlicher Politik. Aber dann stellte sich heraus, daß hinter dieser Komponente eine Realität stand, eine ebenso politische wie wirtschaftliche.

Die politische Realität war, daß auch die Völker des Ostens nicht mehr Jahr für Jahr bereit waren, sich mit "Kanonen statt Butter" zu begnügen und sich an den Zahlen über den Fortschritt der (Investitionsgüter-) Industrialisierung zu berauschen. Das "Uri, Uri" des russischen Soldaten war und ist erst recht heute eine Realität, die nur symbolhaft zum Ausdruck bringt, daß der Wunsch nach den "kleinen Dingen" des Lebens im Osten zu stark geworden ist, um noch länger vernachlässigt werden zu können. Auch Diktatoren können sich diesen Wünschen nicht auf die Dauer widersetzen, um so weniger, wenn sie alle Veranlassung haben, sich nicht mehr ausschließlich auf die Spitzen ihrer Bajonette zu verlassen.

Die wirtschaftliche Realität steht damit in engem Zusammenhang. Es wäre falsch, die Augen davor zu verschließen, daß im Osten wirtschaftliche Fakten mit dieser Industrialisierung geschaffen worden sind, aus der es kein "Zurück" gibt. Wie immer man zu den bekanntgewordenen Zahlen im einzelnen stehen mag (die ECE veröffentlicht sie in ihren vierteljährlichen Berichten), so spiegeln sie doch diese Entwicklung insgesamt als eine tatsächliche wider. Gerade sie ist es, die jenen Mangel an Konsumgütern so akzentuiert, daß eben der Osten heute diese Konsumgüter braucht und – solange sich ein entsprechender Industrialisierungsprozeß in der Konsumgütersphäre nicht vollzogen hat – auf verstärkte Einfuhren, d. h. also auf den Handel mit dem Westen gedrängt wird.

Aber auch für den Osten hatte diese Genfer Konferenz nicht unwesentlichen Erkenntniswert. Sicher waren die Sogenannten Satellitenstaaten in der Nachkriegszeit gezwungen gewesen, sich auch wirtschaftlich in erster Linie nach Moskau "auszurichten". Nach einer jüngst veröffentlichten Untersuchung des sowjetischen Nationalökonomen N. Iwanow über die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den "Volksdemokratien" entfielen vom sowjetischen Außenhandel in 1952 rd. 80 v.H. auf diese und China, während umgekehrt auch der Anteil des Außenhandels mit der UdSSR an allen jenen Ländern beträchtlich zunahm. Er betrug nach dieser Untersuchung 1952 in China 54 v. H., in Polen 32 v. H., in der CSR 35 v. H., in Ungarn 29 v. H., in Rumänien 58 v. H., in Bulgarien 57 v. H. und in Albanien 50 v. H.