K. W., Berlin, Ende Januar

Der Versuch Molotows, noch vor dem Montagbeginn der Berliner Konferenz mit Bidault zusammenzutreffen, ist mißlungen. Immerhin wurde die vermutlich lange Reihe der Diners zu zweit, für die allabendlich genug Zeit in Berlin sein wird, mit dem Dienstagabendessen eingeleitet, das Molotow in der Sowjetbotschaft für Bidault gab. Eine frühere Einladung Edens an Molotow, bei ihm in Grunewald zu Abend zu essen, hat der sowjetische Außenminister so spät beantwortet, daß erst für Mittwoch das Treffen Eden-Molotow angesetzt wurde. Von Molotows Dreipunkteprogramm: 1. Fünferkonferenz mit Rotchina, Deutschland und europäische Sicherheit und 3. Österreich-Vertrag wußte also keiner der westlichen Außenminister früher als am Montagnachmittag. Gewiß hatte Molotow daran gelegen, den französischen Außenminister vorher wenigstens für eine Diskussion der sowjetischen Reihenfolge in der Tagesordnung, wenn nicht gar für eine Zustimmung zu gewinnen – um so mehr, als Molotow sich in solchem Falle auf die allgemeine Festsetzung eines Termins für eine spätere Fünfmächtekonferenz beschränkt hätte, wenn Frankreichs Interesse an ihr deutlich geworden wäre.

Am Beginn der Konferenz stand also deutlich das Eins des Ostens zum Drei des Westens. Die sowjetische Erwartung war aber von Anfang an auf Waffenhilfe gerichtet. Molotows Programm ist, ohne eigentliche Modifikation, der Niederschlag aller Konzeptionen, wie sie jede der drei letzten Noten an die Westmächte und die kommentierenden Artikel von Prawda und Moskauer Rundfunk in den letzten Wochen angekündigt hatten. Der sowjetische Außenminister hat, als er in Berlin-Schönefeld landete, nicht einmal das Wort von der Wiedervereinigung in den Mund genommen, sondern als wesentlichen Zweck der Konferenz die Probleme im Fernen Osten bezeichnet. Wohl war überall zu spüren, daß er seine Berliner Partner zwingen will, in Berlin über Peking zu sprechen – aber er wird sich damit begnügen, in Berlin einen Termin und einen Ort für das Gespräch mit Peking zu erhandeln; danach will er über Deutschland sprechen, so wie er es versteht. Gromyko und Malik, die mit ihm gekommen sind, haben eine Europa-Konzeption in ihren Aktentaschen mitgebracht, die allein Rußland und Frankreich als kontinentaleuropäische Staaten gelten läßt. Frankreich und Rußland sollen und müssen, so meint Molotow, das Interesse an der europäischen Sicherheit gemeinsam aufrollen. Molotow notierte mit Eifer, daß Bidault immerhin von der Gefahr des deutschen Militarismus sprach, daß er von der gemeinsamen Notwendigkeit Europas, sich solcher Möglichkeiten zu erwehren, geredet hatte. Der "Militarismus" ist für den Kreml das Stichwort, mit dem er den Franzosen in den nächsten Tagen hartnäckig ins Wort fallen wird. Hier wird Molotows Vorschlag eines europäischen Sicherheitssystems zu erwarten sein, das sich einmal gegen die sechs EVG-Staaten wendet, zum anderen den Einschluß Osteuropas in ein solches System betreibt, und last not least den Verzicht Amerikas auf ein derartiges Europa-Sicherungssystem verlangt. Das Deutschland in der Mitte dieses Systems soll nach dieser Konzeption durchaus ein gleicher Bündnispartner wie etwa Polen und Frankreich werden.

Dieser Deutschland-Europa-Plan Molotows wird aber gewiß nicht vor der zweiten Konferenz-Woche diskutiert werden. Um so mehr bereitete der sowjetische Außenminister die Legitimierung der politischen Instanzen der DDR vor. Wie seine ersten Besuche in Ost-Berlin, lange ehe er die westlichen Außenminister gesehen hatte, dem kommunistischen Präsidenten Wilhelm Pieck und danach dem Ministerpräsidenten Grotewohl gegolten hatten, veranlaßte er auch einen Brief Grotewohls an ihn selbst, an Dulles, Eden und Bidault, in dem für den Deutschland-Teil der Konferenz die Mitwirkung von Vertretern aus beiden Teilen Deutschlands erbeten wird. Die Regierungsstellen der Sowjetzone sind davon unterrichtet, daß erst dann ihre Kampagne um die Mitwirkung demonstrative Formen annehmen soll, wenn die China-Frage eine sowjetgenehme Lösung gefunden haben sollte.