Die USA so reich, und Indien so arm – Die angeborene Neutralität

Von Marion Gräfin Dönhoff

Madras, Ende Januar 1954

Kennen Sie Amerika?" fragte ein Amerikaner einen Inder am Ende einer langen Unterhaltung – offenbar mit dem Unterton: ,Sonst wissen Sie ja nicht, wovon Sie reden... Darauf der Inder, gelangweilt und von oben herab: "Ach, Sie meinen dieses Land, das Kolumbus zufällig entdeckte, als er sich bemühte, den Weg nach Indien zu finden?"

Diese Geschichte ist bezeichnend für die leicht hochmütige Abneigung der Inder gegen Amerika, die häufig bis zu einer antiwestlichen und schließlich "anti-weißen" Einstellung verallgemeinert wird, wobei merkwürdigerweise die Russen nie zu den Weißen gerechnet werden. Woher kommt diese Antipathie?

Sie ist einmal die Reaktion eines soeben vom Kolonialismus befreiten Volkes, das der Meinung ist, Spannungen gäbe es nur dort, wo es Imperialismus und Kolonialismus gibt. Beweis: Indochina, Malaya, Kenya, Tunis, Marokko. Daß in den kommunistischen Satellitengebieten – und immerhin gibt es allein in Europa neun Staaten, die sich der östliche Imperialismus unterworfen hat–nur deshalb keine Spannungen sichtbar werden, weil es dort genug Methoden gibt, sie bereits im Keime zu ersticken, wird im allgemeinen nicht gesehen. Ein Teil der Aversion ist auch darauf zurückzuführen, daß Amerika so reich und Indien so arm ist, und daß die Inder trotz ihrer Unabhängigkeit gezwungen sind, von reichen Leuten Geld anzunehmen. Ferner spielt die rassische Diskriminierung, die vielfach im Westen herrscht, eine Rolle, und schließlich der Mythos, der Moskau und Peking anhaftet und dem, was sie erreicht haben. Die Kunde, daß die Russen gigantische "Arbeiterstädte" aus dem Boden gestampft, ja, daß sie die Natur verändert hätten, hat natürlich etwas Faszinierendes für die Inder, die – ein 340-Millionen-Volk – genötigt sind, in Kategorien zu denken, deren Größenordnungen zumindest uns fremd sind.

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