N. J., Lindau

Ein Arzt in Lindau kam 1952 auf den Einfall, die Stadt zu überzeugen, wie interessant eine Zusammenkunft von Nobelpreisträgern in Lindau sei. Erstaunlicherweise kamen einige. Das Staunen wuchs, als man 1953 wiederum eine Anzahl bereit fand, zu kommen. Diesmal kamen sie nicht nur aus Deutschland, es war gar, glaube ich, einer aus Übersee dabei.

Alle Welt jagt heute nach "Einfällen". Man beginnt zu glauben, daß der "Einfall" mehr Tüchtigkeit ausweist, als die vollzogene Leistung, vor allem auf dem Gebiet der Fremdenindustrie, und die Stadt Lindau war stolz, daß der Einfall mit den, Nobelpreisträgern eingeschlagen hatte und sie die Spitzen der Wissenschaft eine Woche lang als "Plakate" in ihren Mauern und den Spalten der Zeitungen herumlaufen: hatte. Sie schwebte großzügig über die Kosten hinweg: An- und Heimreise 1. Klasse Schlafwagen, acht Tage in einem Hotel, meist mit Ehefrau, das pro Kopf und Tag, ohne Bad, 22 DM rechnet... Die Gäste zeigten sich dankbar, stiegen auf die Bühne des Theaters und teilten mit, was sie ge- und erfunden hatten. Da niemand es verstanden hätte, ging auch niemand hin.

In solchen Fällen wird von der "Internationalen Spielbank" in Lindau immer eine Menge erwartet. Die Bank hatte gerade für das letzte Jahr etwas über eine Million DM in die Stadtkasse geschüttet (als Lösegeld für die Konzession) plus 28 000 DM als Pacht für das Gebäude, und mochte meinen, damit habe sie das ihrige getan. Außerdem gab sie den internationalen Koryphäen ein Frühstück, das dem Genius Loci huldigte und die hervorragenden Fremdlinge mit den gewiß sehr gelobten Lindauer Wurstwaren und dem gewiß ausgezeichneten Inselbier bekannt machte.

Die Leiter der Spielbank sind intelligente Leute, viel bewandert, und lassen sich auf dem Parkett der "Einfälle" von den Männern der Stadtpropaganda nichts vormachen. Wenn von diesen jemand etwa den Einfall vorgetragen hätte, wie man aus der amüsanten Tatsache, daß man hier in einem Eldorado des Kaffeeschmuggels war, ein brauchbares Volksfest machen könnte, hätten die Herren gewiß gesagt: A la bonne heure! und nach einer Plattform gesucht. So sahen sie in der Angelegenheit lediglich das, was sie war: einen Versuch am untauglichen Objekt, und sie hatten sich anscheinend, über das folkloristische Frühstück hinaus, an den Kosten nicht oder nur mangelhaft beteiligt.

Denn die Herren der Stadt, die diesen Teil des "Plakates" zu erledigen hatten, erklären sich, nach Abschluß der Bilanz für das Jahr, recht unbefriedigt. Sie haben nun schon zum zweiten Male die Nobelpreisträger sehr unartig auf die leeren Säle aufmerksam gemacht. Als der Einfall noch kein Wasser gezogen, hatten sie freilich etwas von "Koryphäen" und "Idealismus der Wissenschaft" auf dem "Plakat" stehen gehabt. Jetzt erklären sie den längst heimgekehrten Gästen, im Anblick der mangelhaften Rendite, mit mannhafter Unhöflichkeit, sie möchten sich für 1954 darauf vorbereiten, zu Haus zu bleiben, sie seien zu teuer gekommen als daß man sie zu einer Einrichtung machen könnte.

Aus einem Urteil geht hervor, daß die Stadt dazwischen anscheinend versucht hatte, über einen anderen Weg etwas von dem Zugebutterten zurück zu wirtschaften. Vor dem Arbeitsgericht klagten zwei junge Ärztinnen, die als Volontärinnen im Städtischen Hospital arbeiteten, sie täten dies seit zwei Jahren ohne jedes Entgelt. Der Kadi klopfte dem Obü auf die Finger und bat ihn, außer einer Nachzahlung von zwei- bis dreitausend DM pro Kopf, in Zukunft den beiden Damen ein Gehalt, zu zahlen, wie das als Ausgleich für geleistete Arbeit sittlich sei.