Der Streit um die Olympischen Spiele 1956 artet langsam aus. Man wird sich erinnern, daß sich im vergangenen Jahre nicht nur die Männer des Internationalen Olympischen Komitees wegen angeblich großer Unzulänglichkeiten bei der Vorbereitung dieser sportlichen Weltspiele in die Haare gerieten, sondern daß auch die verschiedensten Sportverbände und Sportführer in die hitzige Debatte "Melbourne – Ja oder Nein" eingriffen und kategorisch eine radikale Lösung des Konfliktes in der Richtung forderten, die Spiele schnellstens an ein anderes Land zu vergeben, das mehr Interesse an der Ausrichtung der Kämpfe zu zeigen bereit wäre und auch mehr Opfer finanzieller Art zu bringen sich verpflichten würde.

Zu dieser "Doktor-Eisenbart-Kur" ist es gottlob dank der Initiative und der fast schon olympisch zu nennenden Ruhe und Abgeklärtheit des Präsidenten des IOC, Avery Brundage-Nordamerika, nicht gekommen. Es gelang ihm, die in Melbourne verantwortlichen Männer endlich dazu zu bringen, die größtenteils berechtigten Forderungen des internationalen Sports im Hinblick auf die Ausgestaltung der Spiele und ihre innere Organisation zu erfüllen. So spricht man also von einem Desinteresse und einer Unfähigkeit des Melbourne-Ausschusses nicht mehr. Im Gegenteil, man verzeichnet mit Freuden und Genugtuung, daß nun auch im sechsten Erdteil so etwas wie eine olympische Begeisterung herrscht – trotz der erheblichen pekuniären Sorgen, die man gerade in Australien in dieser Hinsicht hat.

Aber Ruhe ist dennoch nicht eingetreten. Es gibt nach wie vor zahlreiche Unzufriedene, die einfach 1956 nicht die große Reise nach Australien antreten wollen, die, das muß man allerdings anerkennen, in vieler Beziehung eine Belastung für die Mehrzahl aller Sportler mit sich bringen wird. Dabei denken wir noch nicht einmal an das ungewöhnliche Klima und die Tatsache, daß man sich gerade so um Weihnachten herum in den hier üblichen Sommersportarten an den Start begeben muß. Man versucht jetzt wieder über die reiterlichen Wettkämpfe die australischen Spiele zu torpedieren.

Frankreichs Vertreter im IOC, Massard, ist der Hauptrufer im Streite und meint, daß allein schon die Olympischen Regeln eine Verlegung der Spiele in ein anderes Land forderten, das nicht so merkwürdige Quarantänebestimmungen für die Einfuhr von Pferden hat. Danach müßten die für die Wettkämpfe bestimmten Vierbeiner bereits ein halbes Jahr früher nach Australien gebracht werden, und das kann man ja nun schlechthin von niemandem verlangen. Es bleibe also nach wie vor nur die Lösung übrig: fort von Australien, zurück nach Europa (oder Amerika, das sich auch wiederum beworben hat).

Und noch einmal goß Mister Bundage Öl auf die Wogen. Das IOC lehnte erneut den französischen Antrag ab, nachdem Brundage, der durchaus (und. auch mit Recht) die Spiele für Australien retten will, erklärt hatte, es bestehe sicherlich die Möglichkeit, ein bestimmtes Gebiet des Commonwealth of Australia für die Zeit der Spiele von den Quarantänebestimmungen auszunehmen. Mehrere Inseln ständen dafür zur Verfügung, sie seien sehr gut für Reitwettbewerbe geeignet und man sollte keine voreiligen Beschlüsse fassen und die Reiterwettkämpfe zum Beispiel nach Dublin oder sogar nach Berlin verlegen. Im übrigen könnte man auch die Pferde einem besonderen Impfprozeß oder einer speziellen veterinärärztlichen Untersuchung unterziehen. Und dann zeigte sich Brundage erneut als großer Optimist. Selbst wenn das aber nicht möglich sein sollte, dann würde es der Wissenschaft bestimmt gelingen, bis 1956 entsprechende Fortschritte auf diesem Gebiet zu machen und dadurch auch die Reiterkämpfe für Australien zu sichern. Wohlan denn: Tierärzte aller Welt vereinigt euch und stürzt euch in einen wissenschaftlich-ärztlichen olympischen Wettstreit! Damit auch Monsieur Massard beruhigt sein kann und keinen Verstoß mehr gegen den olympischen Geist wie gegen den Buchstaben des olympischen Gesetzes anzuprangern vermag, auch wenn er seinen Antrag im Mai noch einmal dem IOC unterbreiten will. W. F. K.