Wieder einmal fragt man sich im Westen: "Wie werden die Russen sich diesmal benehmen? Meinen sie es ernst, oder werden sie uns erneut mit Finten und Fallen überraschen?" Es scheint uns nie gelingen zu wollen, uns in die Mentalität des russischen Gegenübers hineinzufühlen. Man muß den Marxismus besser kennen, denken manche immer noch. Andere meinen, daß man dazu die "russische Seele" studieren müsse. Nun, all dies kann nützen. Doch erst sobald wir uns bewußt werden, daß das Geheimnis des russischen Verhandlungspartners vor allem in seiner östlichen Denkart liegt, haben wir den richtigen Standpunkt gefunden.

Für den vorliegenden Fall der Viermächte-Konferenz ist es zweifellos nützlich zu wissen, was der Chinese Sun Tzu zu sagen hat. Er lebte vor 2500 Jahren, lange vor Cäsar und Alexander. Ein Würdenträger war er, der seine Grundsätze verdichten und in Bildern darlegen konnte wie ein Poet. Er formulierte die Lehrsätze der Kriegskunst mit knapper Schärfe und so sehr im Einklang mit ewig gültigen menschlichen Gesetzen, daß sie heute ebenso wahr sind wie zu seiner Zeit. Die östlichen Staatsmänner, Politiker und Krieger sind von der Mentalität dieser Lehrsätze instinktmäßig geleitet und lernen sie außerdem noch auf ihren Akademien. Und der westliche Mensch, der dem Osten denkend und handelnd gegenüberzustehen hat, tut also gut daran, sich von Sun Tzu unterweisen zu lassen, denn nicht nur China, ganz Asien ließ sich von seinen Lehren führen. Wenn der russische Verhandlungspartner sich noch so westlich gebärdet, ist der Schlüssel zu seinem Wesen und Handeln doch im Osten zu suchen.

Hier einige Zitate aus Sun Tzu:

"Vermeide das Starke und schlage das Schwache! Greife an, wo man nicht vorbereitet ist und dich nicht erwartet."

"Halte deine Pläne undurchdringlich dunkel wie die tiefste Nacht. Verstelle dich in allem deinem Tun. Bewege dich nur, wenn ein Vorteil dadurch zu erreichen ist. Und sei in der Lage, lässig warten zu können, wenn der Feind sich abmühen muß."

"Maskiere dich mit Schwäche – und sei stark. Sei ganz gerüstet – und scheine vollkommen unvorbereitet."

"Vorgetäuschte Unordnung setzt höchste Zucht voraus, vorgetäuschte Angst erfordert Mut und vorgetäuschte Schwäche große Kraft."