Von Martin Rabe

Aus Amerika kamen die Bilder und Zeichnungen, mit denen eine der schönsten Ausstellungen moderner Kunst zusammengestellt worden ist, die man seit langem in Deutschland sehen konnte: Paul Klee – Max Beckmann, in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Beide Künstler waren im Dritten Reich verfemt, beide mußten auswandern. Klee fand sein Asyl in der Schweiz, Beckmann ging zunächst nach Holland, wo er wenig Verständnis erfuhr, aber während des Krieges wenigstens einen deutschen Kunstbeauftragten fand, der ihn unterstützte und vor Verfolgungen bewahrte. Nach Kriegsende übersiedelte er nach den Vereinigten Staaten, wo er endlich auch außerhalb Deutschlands Anerkennung fand. Klee und Beckmann, so sehr verschieden sie auch sein mögen, sind Exponenten der gleichen Generation, in der es viele Begabungen gab und viele Ansatzpunkte für eine interessante Entwicklung. Diese wurde vernichtet durch den Aufstand der Mittelmäßigkeit von 1933 und durch den Haß, mit dem die herrschenden Spießer mit ihren groben Stiefeln zertrampelten, was damals gerade in zarter Blüte stand. Wer etwa die heutige Baukunst in Deutschland gerecht beurteilen will, sollte nicht vergessen, daß den deutschen Architekten Jahrzehnte hindurch der Maßstab der Gropius, Mies van der Rohe, Karl Schneider fehlte, die gezwungen worden waren, Deutschland zu verlassen. Und ebenso mangelten in der Malerei Gestalten wie Kirchner, Klee und Beckmann, mit denen die Künstler sich hätten messen können. Man glaube doch nicht, daß ein solcher Aderlaß sich ohne weiteres wieder gutmachen ließe!

Dazu kommt auch noch der Verlust ihrer Werke. Bilder und Zeichnungen von Klee werden in Deutschland immer seltener. Die Kollektion von fünfzig Zeichnungen aus dem Besitz van Curt Valentin, New York, die in Hannover ausgestellt ist, findet bei uns nicht ihresgleichen. Sie ist sorgfältig aufgebaut, zeigt Zeichnungen aus jecem Jahr seines Schaffens und gibt damit ein Bild seiner Entwicklung, wie man es sich instruktiver nicht wünschen kann.

Die neuerdings gern vorgebrachte These, Klee sei ein Wegbereiter der "abstrakten" Kunst gewesen, bricht angesichts dieser Ausstellung sofort zusammen. Die früheste Zeichnung von 1908, von ihm selber Nr. 33 betitelt, zeigt eine Schafherde, die zwar nicht naturalistisch dargestellt ist, aber in ihrem Liniengewirr das eng Gedrängte einer solchen in Bewegung befindlichen Herde vorzüglich ausdrückt. Und die späteste, sehr skurrile, von 1940 mit dem Titel "Scherengitter und seine Feindin", zeigt in der Tat ein Scherengitter, angegriffen von einem anderen, das zur Attacke wirkliche Scheren entwickelt. Da ist ein "Antikes Stadtbild" (1927), das jenes Ungeordnete antiker Städte enthält, das für uns heute noch aus den Ruinen sichtbar ist. Da ist auch ein Porträt der Frau Brig (1934), das so wirkt, als sei es aus den Wollknäueln zusammengesetzt, die diese Dame in ihrem Leben abgestrickt hat. Das alles ist echte deutsche Romantik, ein Erbteil der Kunstmärchen von Brentano und Tieck – für uns verloren und nur gelegentlich auf einer Ausstellung sichtbar.

Von Max Beckmann ist sein letztes, in Amerika gemaltes Triptychon "Die Argonauten" zu sehen. Auch dies verdanken wir der Vermittlung von Curt Valentin in New York. Dieses Werk, das der Witwe des großen Malers gehört, ist Gipfel und Endpunkt seiner Kunst; er hat es am Tage vor seinem Tode vollendet. "Kurz vor Mitternacht", so schreibt Frau Beckmann, "zeigte er es mir nochmals und sagte: ‚Ja, jetzt ist es gut, es war der Mühe wert, jetzt mache ich keinen Pinselstrich mehr dran. Endlich habe ich’s geschafft.‘"

Zwei Jahre hat er an diesem Triptychon gearbeitet, und es ist ein Wunder der Malerei geworden. Ein farbiger Reichtum ohnegleichen, und nichts ist bunt, alles bleibt harmonisch gebunden. Welche Noblesse des Graus, welche Kühnheit zugleich des Violett. Und wie stark ist der Ausdruck der Gestalten: die Intensität des Malers vor dem Modell der triebhaften Medea auf dem rechten Seitenflügel, die athletische Tumbheit der Argonauten vor dem aus der Tiefe aufsteigenden Gott im Mittelbild. Und kann man Musik "hörbarer" malen, als dies bei den Frauen auf dem linken Seitenflügel geschehen ist, wo bereits die Anordnung der musizierenden Figuren einer kunstreich gesetzten Partitur gleicht? Angesichts dieses Meisterwerkes haben wir einen großen Wunsch: daß es gelingen möge, es für ein deutsches Museum zu erwerben.

Umrandet ist das Triptychon von Beckmannscher Graphik aus der frühen, der mittleren und der späten Zeit. Und hier entdeckt man ein Phänomen, das nur bei großen Künstlern sichtbar wird und das eben deshalb den Betrachter immer wieder erschüttert: der Stil des Beginns kehrt in der Spätzeit wieder. Bei Beckmann stellt sich dies in einem Wechsel des Maßstabs dar. Er begann mit einer Strichform, die das Zarte betonte, das Flimmernde der Erscheinung. Dann kam die Wendung am Ende des ersten Weltkrieges: Jetzt hob jene Periode der Maßstabverzerrung an, in der Beckmann die Dinge verzauberte und aus jeder normalen Beziehung herausriß, in der etwa die Darstellung eines Saxophons wie ein Nebelhorn eines Dampfers wirkte und die Menschen wiederum zu Puppen erniedrigt wurden – Ausdruck einer Zeit, von der er nichts anderes sah, als daß sie aus den Fugen war. Die späten Graphiken hingegen – eine Serie Lithos Day and Dream, die im Verlag Curt Valentin, New York, erschienen ist – zeigen wieder den Maßstab des Beginns, doch sind sie im Ausdruck unendlich vertieft. Was in der Jugend Empfindung war, ist jetzt, nach einer Periode lernender Arbeit, Meisterschaft geworden. Ein vollendetes Beispiel dafür ist das letzte Selbstporträt, das nicht mehr gewaltsam wirkt wie die früheren, sondern tragisch und tief erschütternd. Es gehört zu der späten Serie Day and Dream.