K. W., Berlin, im Januar

Wir haben es mit neuen und alten Kriegsstücken in den letzten Jahren versucht. Die alten, den ersten Weltkrieg spiegelnden, erwiesen sich für das Erlebnis dieser Jahrzehnte als nicht mehr gültig. Unter den neuen traf keins ins-Zentrum. Mit dem Stück "Der Hauptmann und sein Held" aber, das das "Theater am Kurfürstendamm" spielte, geschieht mehr als nur eine Bereicherung der dramatischen Kriegsliteratur. Nicht, daß der letzte Krieg jetzt in einer exemplarischen neuen Deutung erschiene – der junge neue Autor Claus Hubalek schreibt vielmehr die Tragikomödie von ein paar Menschen in der Maschine des Krieges. Darüber baut er. ordentlich und zutreffend gefügte Szenen, wie im Kriege, ja, neben dem Grauen und der Angst das Heitere, ja, das Lächerliche ruht.

Die Fabel seines Stückes mag gewagt und teilweise unglaubwürdig sein, sie schafft aber so viel konfliktgeladene Atmosphäre, so viel kontrastreiche Anlässe zu nachdenklichem Beteiligtsein, daß sich das Vergnügen an der bitteren Köpenickiade allerseits einstellt. Eine erfundene Heldentat, ist der dramatische Agens. Der bebrillte, ängstlicheRekrut, der in der Heimat beim ersten Urlaub, über den Zappen gehauen hat, erfindet sie aus Furcht vor dem Zorn des rekrutenschindenden Hauptmanns in der Garnison. Das angedichtete EK für den braven Stubenhocker Schweyk macht den heldendürstenden Hauptmann zum Motor der Komödie, die ihren grotesk-makabren Höhepunkt in der feuchtfröhlichen Empfangsrunde von Gefreitem und Hauptmann mit dem alten Etappengeneral hat.

Der zweite Teil des Stückes kann die Heiterkeit der Gespräche, Situationen und Begegnungen nicht halten; er spielt in den letzten Kriegstagen an der Elbe. Das bankrotte Spiel mit Köpfen schon angesichts des nahen Endes läßt das Lachen über eine Kriegsgerichtsverurteilung erfrieren, deren Vollstreckung nur die Ankunft der Amerikaner verhindert. Ursprünglich hatte der Autor, so ist zu hören, den tumben Toren, den seine erschwindelte Tat erst zum Leutnant gemacht und schließlich zum Tode verurteilt hatte, noch ein Opfer werden lassen; erst die Zusammenarbeit mit Oscar Fritz Schuh, dem neuen Chefregisseur des Volksbühnenhauses, verhinderte die Umwandlung der Komödie in eine Tragödie. Nicht könnte sie verhindern, daß der Scherz mit dem Entsetzen im letzten Drittel des Stückes immerhin das Lachen merkbar eindämmt.

Am Stück ist gearbeitet worden – so erklärt Schuh für seinen Autor den Studio-Charakter dieser Aufführung. Claus Hubalek ist die Mithilfe um so mehr bekommen, als er von Brecht aus Ostberlin gekommen ist, bei dem er offensichtlich das dramatische Handwerk schon ganz mit dem Blick auf den Direkt-Realismus Brechts erfolgreich studiert hatte. Das Talent des heute 27jährigen springt dem Zuschauenden aus vielen Szenen mit ihren hart umrissenen Typen an. Gewiß ist der "Hauptmann und sein Held" noch nicht "die" Satire des Krieges geworden, aber soviel blendend belichtete Szenen des Tragikomischen. hat es bisher noch auf keiner Bühne am Objekt des Krieges gegeben. Sicherlich hat ein außerordentlich verständnisvoller Spielführer dem jungen Hubalek erst den rechten Zuschnitt für sein Stück gegeben. Es läßt sich denken, daß es in einer landläufigen Aufführung, mit strengem Pathos etwa, verunglücken müßte. Schuh aber hat Satire und Anklage in die menschliche Wärme des Alltäglichen heruntergeholt und dabei ein erstaunliches Experiment glücklich durchgeführt: für fast alle Darsteller holte er sich Berlins erfolgreichste Kabarettisten, "Die Stachelschweine", die allabendlich so glücklich in der Rankestraße ihre heitere Aggressivität produzieren. Wolfgang Neuß, Robert Müller, Jo Herbst, Wolfgang Gruner, Kurt Pfitzmann stehen alle zerknautscht und sinnfällig in Uniform auf der Bühne. Nach den ersten zehn Minuten Gewöhnung, die man ihrer kabarettistischen Vielwendigkeit wegen braucht, glaubt man ihnen: besonders deshalb, weil nirgendwo einem von ihnen der Ausweg in die Militärklamotte einfällt. Walter Süssenguth, dem die verschrobene Figur des heldenhungrigen Hauptmanns mit seinem späten grauenvollen Amoklauf zugemutet ist, hat, als einziger ohne kabarettistische Voreignung, das Gerüst der Tragikomödie mit einer ausgezeichneten Chargenleistung zu tragen.

Hubalek schreibt an einer neuen Komödie, so wird berichtet. Für seinen "Hauptmann" bekam er schon den von der Volksbühne gestifteten Gerhart-Hauptmann-Preis. Es müßte vieles täuschen, wenn hier nicht ein wirkliches Talent ans Licht der Öffentlichkeit gekommen wäre.