Als jüngst auf der Autobahn der Kilometerstein mit dem Berliner Bären eingeweiht wurde, hielt der Bundespräsident die Festrede. Man hätte meinen können, angesichts seiner großen Überbeanspruchung hätte er einem anderen politischen Würdenträger diese Aufgabe überlassen dürfen. Sicher ist ihm nicht einmal der Gedanke daran gekommen. Er weiß als ein Mensch, der nicht nur politisch tätig ist, sondern auch über Politik viel nachgedacht und geschrieben hat, welchen Einfluß die Symbolkraft in der Politik besitzt. Das geht auch aus dem hervor, was er einen Tag später sagte: "Ich lasse die Gesellschaftsräume in diesem Hause nicht ausbauen, obgleich sie für die repräsentativen Pflichten eines Bundespräsidenten viel zu klein sind. Aber die Berliner sollen nicht meinen: Jetzt hat uns der Heuss auch aufgegeben, jetzt richtet er sich endgültig in Bonn ein."

Dieses Verbindende, dieser Wunsch, Beziehungen nicht zu belasten, alte Freundschaften fester zu knüpfen und neue anzubahnen, wo immer es sich mit der Tradition und der politischen Vernunft verträgt, finden wir bei dem Politiker Heuss immer wieder. So fuhr er, veranlaßt durch Friedrich Naumann, nach dem Waffenstillstand, der den ersten Weltkrieg abschloß, nach Wien, um zu verhindern, "daß in dem ausblutenden Deutsch-Österreich der Glaube an die Mittragekraft und den Willen des Reiches versickern könnte." Es sollte damals versucht werden, zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen eine sozialliberale Gruppe zu bilden, die "großdeutsch ausgerichtet" war. Zur gleichen Zeit trat er auch für die Vereinigung von Baden und Württemberg in einen Südweststaat ein, um in Süddeutschland ein wirtschaftlich starkes liberales Bollwerk zu schaffen. Über dreißig Jahre mußte er warten, bis dieser politische Wunsch erfüllt wurde, und dann vollzog sich die Vereinigung nicht in dem ververbindenden Sinne, den er im Auge gehabt hatte; die Stuttgarter Politiker brüskierten aus Machtbewußtsein die Exponenten der CDU in Hohenzollern und Baden. Man müsse verstehen, so schrieb Heuss daraufhin seinen Parteifreunden in Schwaben, in die zweite Reihe zurückzutreten, und wenn man noch so lange in der ersten gestanden habe. Den Gebhard Müller hätte man zum Ministerpräsidenten machen sollen, den Reinhold Maier zum Justiz- und den Wohleb zum Kultminister. Das hätte ein harmonisches Zusammenwachsen der bisher getrennten Teile begünstigt, meinte er.

Eine ungewohnte Haltung für einen Politiker, der, wie aus seiner Biographie Friedrich Naumanns hervorgeht, die Bedeutung der Macht in der Politik so gut erkannt hat. Und dies führt uns dazu, zu fragen, wodurch eigentlich sein eigener politischer Stil gebildet worden ist, wozu wir um so mehr berechtigt sind, als er selber 1952 vor dem Berliner Kongreß der "Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik" eine Rede über "Formkräfte einer politischen Stilbildung" gehalten hat.

Zunächst wirkten auf ihn zweifellos sehr stark Herkunft und Elternhaus. Der Großvater hatte den badischen Aufstand 1849 als Freischärler mitgemacht, dessen Onkel, bei dem er "Adjudant" gewesen war, mußte einige Jahre in den Kasematten von Rastatt "über die Kehrseite eines mißglückten Freiheitsputsches meditieren". Diese Tradition hat auf den jungen Heuss, wie sich leicht denken läßt, einen großen Einfluß gehabt. Und auch der Bundespräsident hat nach seiner Wahl 1949 vor dem Bundestag den liberalen Zielen der Männer von 1848, die immer noch auf ihre Erfüllung harrten, gehuldigt. Damals, so sagte er, würde dies eine stolze Errungenschaft gewesen sein. Heute sei es die letzte Chance unserer politischen Existenz.

Und das zweite, mindestens gleich starke Element, durch das sein politischer Stil gebildet wurde, war die enge Freundschaft mit Friedrich Naumann. In der Reihe der deutschen Theologen, die um die Jahrhundertwende über das soziale Anliegen zur Politik kamen, war Friedrich Naumann der bedeutendste. "Er horchte mit wachen Sinnen in die Zeit hinein", so formuliert es Heuss in seiner großen Biographie, die zugleich eine Schilderung der deutschen Politik der vierzig Jahre ist, die dem Beginn der Weimarer Republik’ vorausgingen. Naumann kam von Wichern her, wie viele schwäbische Theologen war er am Rauhen Haus in Hamburg tätig gewesen. Ihm war die Sozialpolitik kein weichliches Anliegen. Er verband sie mit einer erstaunlichen Härte in seinen nationalen Ansprüchen. Zu dem Führerkreis seiner nationalsozialen Vereinigung gehörten Männer wie Pfarrer Traub, Paul Rohrbach, Max Weber, Harnack, gehörten Gertrud Bäumer und Marianne Weber. Mittelpunkt der Vereinigung war die Zeitschrift "Die Hilfe". In ihre Redaktion war Theodor Heuss gleich nach seiner Promotion als Leiter des Feuilletons eingetreten. Bereits zwei Jahre später – mit dreiundzwanzig Jahren – war er politischer Redakteur. Im Hause von Friedrich Naumann lernte er auch seine Frau, Elly Heuss-Knapp, kennen, deren soziales Wirken insbesondere in dem von ihr gegründeten Mütter-Genesungswerk unvergessen ist.

Es hat viele gewundert, daß sich ein so geschulter und aktiver Politiker wie Theodor Heuss mit dem "mehr repräsentativen als politisch ergiebigen" Amt des Bundespräsidenten zufriedengegeben hat. Sie hätten ihn lieber, temperamentvoll kämpfend, in der Arena des Bundestages gesehen. Aber dieser Meinung liegt doch wohl ein schiefes Urteil über die Stellung und das politische Gewicht des deutschen Bundespräsidenten zugrunde. Zwar hat der Parlamentarische Rat bei der Fertigstellung des Grundgesetzes alles getan, die Macht des Präsidenten zu beschränken, aber die Rechte, die er hat, geben einer starken Persönlichkeit immer noch die Möglichkeit, einzuwirken und einzugreifen. Der Bundespräsident schlägt den Bundeskanzler vor. Er ernennt die Minister und Bundesbeamten – oder lehnt diese ab. Er fertigt die Verträge mit ausländischen Staaten aus – oder er unterläßt es. In der Tat hat Bundespräsident Heuss die Ernennung eines vorgeschlagenen Botschafters verweigert und die Unterschrift unter den Deutschland-Vertrag nicht vollzogen. Und endlich kann der Bundespräsident unter bestimmten Voraussetzungen den Gesetzesnotstand erklären, wonach Regierungsvorlagen mit Zustimmung des Bundesrates auch gegen das Votum des Bundestages Gesetz werden können. Er kann dies aber auch unterlassen und dadurch helfen, einen mißliebig gewordenen Bundeskanzler zu stürzen.

Das alles sind bereits schwerwiegende Entscheidungen, die ihm zustehen und die naturgemäß von Anfang an das Verhalten des Bundeskanzlers, des Bundesrats und des Bundestages ihm gegenüber bestimmen müssen. Wird der Bundespräsident, wie zu hoffen ist, auch Oberbefehlshaber der zukünftigen Wehrmacht, dann wird seine legale Position abermals gestärkt werden. Mindestens so bedeutsam aber ist das Gewicht, das die Verfassungspraxis seiner Stellung verleiht. Als höchster Repräsentant der Bundesrepublik hat er die Verbindung mit den Ländern zu pflegen. Welche Bedeutung diese Aufgabe hat, haben die Besuche von Theodor Heuss bei den Regierungen der Bundesländer nach seinem Amtsantritt gezeigt. Er ist sich dieses Gewichtes sehr bewußt. Nach seiner Vereidigung erklärte er im Bundestag: "Mir scheint, daß dieses Amt, in das ich gestellt bin, ... den Sinn hat, über den Kämpfen, die kommen, die nötig sind, die ein Stück des politischen Lebens darstellen, als ausgleichende Kraft vorhanden zu sein."