Von Wolfgang Koeppen

Siegfried Sommer, Jahrgang 1914, ist in München, seiner Heimat, als "Blasius, der Spaziergänger" bekannt. Seine skurrilen, raunzenden, scheinbar aus der Luft des Hofbräuhauses kommenden Kommentare zu den landeshauptstädtischen Ereignissen erscheinen jeden Freitag in der "Abendzeitung". Blasius ist beliebt, – ein bayerischer Volksschriftsteller. Daß er hintergründig, sokratisch, ein Durchschauer und Wahrheitssucher ist, daß er aus Einsamkeit, Schwermut und Menschenliebe berichtet, die auch den Menschenhaß einschließt, würde von seinem Publikum bisher gutmütig übersehen.

Nun hat Sommer einen Roman geschrieben: Und keiner weint mir nach. Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte das Manuskript, und bald hagelte es Proteste. Die Fortsetzungsromanleser waren empört. Sie hatten wohl etwas "Komisches mit Herz" erwartet und begegneten nun einem Schriftsteller, einem sehr gegenwärtigen, einem sehr ernsten Schriftsteller, einem Beunruhiger, der wirklich "komisch und mit Herz" schreibt, nur auf eine Art, die diese Leser nicht gewohnt waren: unsentimental, realistisch, sehr hell, sehr wach, sehr dicht. Es waren der Geist und der Stil eines Dichters, die entsetzten; es war ein moderner Roman, der herausforderte. Sommer erhielt die üblichen Titel: Nihilist, Schmutzauf wirbler, gottloser Zerstörer der heiligsten Güter.

Inzwischen ist der Roman bei Kurt Desch (München) als Buch herausgekommen, und verwundert fragt man sich, was eigentlich die Zeitungsleser so sehr erregt hat. Sommers Buch ist nicht grell, es ist zart. Der Roman enthält die Geschichte einer Kindheit, wahrscheinlich der Kindheit des Verfassers. Es ist eine Erzählung der Armut, der Angst, der Scham, der geflickten Hosen, des Rohrstocks, des Miefs aus engen Stuben, der Kunsthonigbrote, der kleinen Daseinsfreuden, der großen Daseinstraurigkeit und einer nie obszönen Kindererotik.

In einem Münchner Volksviertel steht in der Mondstraße eine Mietskaserne. Dort wächst bei seiner hindämmernden, von Bier sich nährenden Großmutter der Leo auf, ein scheues, ein verlassenes, ein uneheliches Kind. Die Welt ist gleichgültig, die Welt ist böse, sie ist selten freundlich. Der Junge spielt ohne Spielzeug, er träumt, er versteckt sich, er gewinnt Freunde, er bekommt Prügel, er geht durch die Volksschule, er kommt in eine Handwerkslehre, der Meister stellt die Zahlungen ein, der Junge wird arbeitslos, wieder steht er träumend, wieder einsam und verloren im zugigen Tor der großen Mietskaserne. Ist das zersetzend? Die Welt ist an vielen Orten so: arm, kalt und verlassen. Sommer gibt dieser armen Welt sogar nachträglich Licht und Wärme. Eine häßliche, eine schmutzige Gasse ist die Mondstraße, aber Sommer verklärt sie, indem er nichts verschwieg; die Straße ist Poesie geworden und wird als poetische Landschaft in der Erinnerung des Lesers leben. Der junge Leo vergiftet sich. Keiner weint ihm nach. Keiner? Sommers Buch rührt; es rührt, weil es ein seltsam reines Buch ist.

Der Kindheit erinnert sich auch das Buch eines neuen amerikanischen Autors: J. D. Salinger, "Der Mann im Roggen" (Diana-Verlag, Stuttgart). Salingers Knabenheld, sein Jünglings-Ich, ist kein armer Junge, wenn man an die materiellen Güter denkt. Sein Vater ist ein wohlhabender Anwalt in New York, der Knabe ist auf einem guten College, ihm gehören die teueren Lederkoffer, auf die er stolz ist, er hat das Gerät für vielerlei Sport, er besitzt schöne Anzüge und, wie es scheint, viel zuviel Geld. Seine Haupteigenschaft ist die, daß er fortwährend deprimiert ist;

Das College relegiert ihn. Nicht wegen eines übermütigen Streiches, sondern wegen unzulänglicher Leistungen. Der Junge ist nicht dumm; er ist vielleicht klüger als seine Mitschüler, aber das Pensum, der Lehrstoff langweilen und deprimieren ihn. Er fährt zurück nach New York. Aber er geht nicht in die elterliche Wohnung heim. Das geschieht nicht aus Furcht vor Strafe, die nicht einmal erwartet wird, sondern aus der Gewißheit, daß ihn auch die Eltern nur schrecklich deprimieren werden. Der Junge streift zwei Tage durch New York. Er besucht schmutzige Bars, ein schmutziges Hotel, und er begegnet schmutzigen Menschen. Aber sogar der Schmutz berührt ihn nicht. Er berührt ihn so wenig, wie der Junge die Prostituierte anrührt, die ihm der schmutzige Liftboy des schmutzigen Hotels auf das schmutzige Zimmer schickt. Es deprimiert ihn nur. Neben der Welt des Schmutzes gibt es die Region der Kälte. Zu ihr gehören die Eltern des Jungen, seine Verwandten, die Mädchen aus seiner Gesellschaftsschicht. Er ruft eines dieser Mädchen an und trifft sich mit ihm. Dem Alter nach ist sie ein Kind, dem Wesen nach eine eingebildete Gans aus der Society-Rubrik der Zeitungen. So empfindet der Junge nur Zuneigung zu Phoebe, seiner kleinen Schwester. In der Nacht schleicht er sich heimlich wie ein Dieb in die Wohnung, besucht die kleine Phoebe und sitzt an ihrem Bett. Das ist eine zärtliche Stelle in dem düsteren Buch. Phoebe will mit dem Bruder fliehen, will mit ihm in die Holzfällerwälder gehen; doch erstens hat der Junge das nur so gesagt, daß er dahin will – er will ja gar nicht, denn auch die Wälder würden ihn deprimieren, und zweitens würde Phoebe, käme sie mit, des Einsamen Traum von der gewollten Einsamkeit zerstören: er möchte in einer Waldhütte leben und sich für taubstumm ausgeben, um nicht angesprochen zu werden und nicht antworten zu müssen.