Spannung Paris–Madrid

Verhundertunddreißig Ulemas, Kaids und Paschas haben als die geistlichen und weltlichen Führer der Bevölkerung Spanisch-Marokkos in Tetuan vor mehr als 30 000 Mauren eine Resolution ingenommen, in der sie es ablehnen, den von Frankreich eingesetzten neuen Sultan Sidi Mohammed Ben Mullay Arafa als ihr politisches Oberhaupt anzuerkennen. An seiner Stelle soll der Kalif Mullay Hassan, der noch von dem nach Korsika verbannten früheren Sultan Sidi Mohammed Ben Jussuf eingesetzt worden ist, als souveränes Oberhaupt in Spanisch-Marokko regieren, solange nicht "ein grundlegender Wandel der französischen Politik in dem französischen Protektorat eintritt".

Diese Resolution, in der gleichzeitig die Freundschaft zu Spanien zum Ausdruck gebracht wird, wurde dem spanischen Hohen Kommissar, Generalleutnant Rafael Garcia Valino, überreicht. Dieser erklärte, Frankreich habe durch die Absetzung des Sultans seine vertraglichen Verpflichtungen verletzt und habe es sich selbst zuzuschreiben, daß es infolge seiner "fortgesetzten Fehler" zu einer Serie von Gewalttaten und Unruhen in Französisch-Marokko gekommen sei.

In Paris ist man darüber sehr besorgt. Amtliche französische Kreise haben darauf hingewiesen, daß die Ausführung der in der Entschließung geforderten Maßnahmen im Widerspruch zu den zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Verträgen über Marokko stehen würde. Marokko wird in der Tat, obwohl es in eine französische und eine spanische Zone geteilt ist, von den Signatarmächten der Algeciras-Akte als ein zusammengehörendes Land betrachtet, über das der in Rabat in Französisch-Marokko residierende Sultan nominell herrscht. Er läßt im spanischen Teil des Landes sein Amt von einem Kalifen in Tetuan ausüben.

Wegen dieser in den französisch-spanischen Verträgen bestätigten Regelung kam es zu Meinungsverschiedenheiten, als Frankreich im Sommer vergangenen Jahres ohne vorherige Fühlungnahme mit Spanien den nationalistischen Sultan durch seinen Frankreich ergebenen Onkel ersetzte. Madrid beantwortete diese Eigenmächtigkeit Frankreichs mit der Nichtanerkennung des neuen Sultans.

Die Vorgänge in Tetuan veranlaßten die französische Regierung zu einem energischen Protest in Madrid. Gleichzeitig versicherte sie dem Sultan in Rabat, daß sie alles tun werde, um ihn und sein Land zu schützen. Zu diesem Zwecke wurden nicht nur die französischen Truppen und die Polizei an der Grenze nach Spanisch-Marokko verstärkt, sondern auch ein größerer Flottenverband in dem Marinestützpunkt Mers El Kebir, unweit der Küste Spanisch-Marokkos, zusammengezogen.

Streit um Gibraltar