Von Jan Molitor

Berlin, im Januar

Dann kann man ja endlich mal rübertelefonieren", sagte ein Gast an der Theke einer Kneipe in Westberlin. Er hatte gehört, daß zwei Kabel der vor langer Zeit zerrissenen Telephonleitungen zwischen dem Ost- und dem Westsektor wieder instand gesetzt seien –: das erste positive Ergebnis der Vierer-Konferenz. Aber sein Nachbar belehrte ihn: "Diese Kabel sind praktisch bloß für die Offiziellen und für die Presseleute vorhanden." Da war denn das erste praktisch-positive Konferenzergebnis schon wieder eine holde Täuschung gewesen.

Ein österreichischer Besucher täuschte sich auch. Unbekümmert überschritt er mit seinen Freunden die Sektorengrenze am Potsdamer Platz und sah auch andere Grüpplein von Menschen aus dem Westen zum Osten wandern. Kein "Vopo" bot ihnen mit bedrohlicher Miene Halt. Kein Ostzöllner verlangte, Einblick in die Tasche zu nehmen. "Eine Viersektorenstadt genau wie Wien", sagte der Österreicher, der auch daheim gewöhnt ist, sorglos überall herumzugehen, ohne sich erst überlegen zu müssen, welcher Bezirk zu welcher Besatzungsmacht gehört. Er konnte also nicht ahnen, daß die Freizügigkeit in Ostberlin neuen Datums ist: eine Geste gegenüber dem internationalen Fremden ... Unser österreichischer Freund, der nie zuvor in Berlin gewesen war, erklärte denn auch die Tatsache, daß in einigen Bäckerläden bloß ein paar "Schrippen" als "Kundenfang" ausgestellt waren und weiter, nichts, einfach so: Eine arme Stadtgegend. "Ärmere und reichere Viertel gibt’s ja auch in Wien." Er konnte nicht wissen, daß alles, was er in ostsektoralen Schaufenstern sah, schon Reichtum war. Denn daß die Butter und Margarine, die sichtbarlich in der Auslage eines HO-Ladens prangte, in den Geschäften der berlinnahen Zone unsichtbar geworden ist – wie sollte er diese Zusammenhänge erfahren?

In Wien kam’s vor, daß der Oberbürgermeister den russischen Behörden vorschlug, sie möchten wenigstens die städtischen Gebäude von Plakaten wie Ami go home befreien. In Ostberlin haben sich die Behörden ohne jeglichen Einspruch dazu bereit gefunden. Das große Abwaschen geschah freiwillig. Und wie soll man’s den Fremden auch erklären, daß die Vopos, die sich plötzlich so adrett mit der altgewohnten blauen Uniform und mit dem Tschako aufgeputzt haben – so daß sie von den Polizisten in den Westsektoren kaum noch zu unterscheiden sind –, vordem eine olivenfarbene "Kluft" russischen Schnitts, dazu eine Art Skimütze trugen, obendrein Maschinenpistolen oder Gewehre, an Stelle der plötzlich wieder modern gewordenen, soviel sittsamer wirkenden Pistolentasche? Nur so viel sehen die Fremden auf den ersten Blick: Im Westen, vor allem am Kurfürstendamm, ist Glanz; am Alexanderplatz herrscht Armut; im Westen gibt es Modeambitionen und feines Schuhwerk bei den Frauen, und die Herren tragen Hüte; im Ostsektor hingegen regiert das unauffällige oder schäbige Grau, die Männer tragen Mützen, und ob westlich oder östlich: das ist besonders am Schuhwerk zu erkennen. – Unserem Wiener Freund, der gewöhnt ist, "vier in einem Jeep zu sehen", war alles dies nicht sonderlich interessant. Zu seinem Erstaunen erfuhr er abends in einer gepflegten Bar am Kurfürstendamm, daß ein sehr skeptischer Berliner meinte: Käme nur eine "Wienerisierung" Berlins bei der Konferenz heraus, so sei dies schon ein Fortschritt...

übrigens scheint die Freizügigkeit der östlichen Herrscher in einem Punkt zu versagen: Sobald einer im Ostsektor irgend etwas photographiert, werden sie nervös. – Zwei Journalisten – der eine von der jugoslawischen Staatszeitung "Borba" – hatten sich dazu hinreißen lassen, ihre Linsen auf das neue sowjetische Prunk-Botschaftsgebäude Unter den Linden zu richten. Schon wurden sie ... nun, wie sag’ ich’s? Festgenommen? Nein. Sie wurden zwar in einen Keller der Botschaft gebracht, und die Tür wurde hinter ihnen verschlossen. Aber der sowjetische Major, der sich ihrer annahm, sagte, verhaftet seien sie nicht. – Was sie denn seien? Da holte der verlegene Major einen Obersten herbei, der womöglich noch verlegener war. "Sind wir verhaftet?" – "Nein!" – "Warum ist die Tür verschlossen?" – "Damit hier nichts wegkommt..." Er beteuerte seine Loyalität, ging, verschloß die Tür hinter sich, und es dauerte Stunden, ehe die Nichtinhaftierten die frische, sehr winterliche Berliner Luft wieder einatmen durften. Als der "Borba"-Redakteur hinterher in Westberlin von diesem Erlebnis erzählte, begegnete er einer Anteilnahme, die mehr aus amüsierter als mitleidsvoller Stimmung kam. Berlinischer Skeptizismus war es, der die Bemerkung hervorzauberte: "Na, und?..."

Der berlinische Skeptizismus ist altes Gewächs; er erstreckt sich auf die Vierer-Konferenz nicht weniger als auf alle anderen politischen Geschehnisse, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Als beschlossen wurde, im Pressehauptquartier, dem modernen Neubau neben dem Kontrollratsgebäude, dem ehemaligen Kammergericht, einen ganzen Korridor für die sowjetischen Journalisten freizuhalten, lautete die Anmerkung: "Wer weiß, ob sie überhaupt diese Zimmer benutzen wollen!" Als es hieß, es würden für die zweite Konferenzwoche, die in der Sowjetbotschaft tagen wird, vielleicht nicht genug Telephonleitungen zur Verfügung stehen, entschloß sich der Westberliner Senat sofort, am Potsdamer Platz Möbelwagen mit Telephoneinrichtungen auszustatten: dann könnten bei wichtigen Anlässen die Journalisten einfach herüberlaufen und ihreTelephonate auf westlichem (Möbelwagen)-Boden führen. Als es schließlich verlautete, die Sowjets würden am liebsten die Zahl der für den östlichen Konferenzort zugelassenen Pressevertreter auf 150 beschränken (1600 Journalisten kamen aus aller Herren Ländern nach Berlin), wären die skeptischen Berliner Zeitungsleute sofort überzeugt, daß sie nicht würden dabei sein können. In ihre Enttäuschung – die vielleicht voreilig ist – mischte sich der faule Trost: sie hätten sich’s denken können...