Die Philosophische Fakultät der Universität Hamburg hatte, wie ihr Vertreter bei einer Konferenz berichtete, in den ersten zwanzig Jahren ihres Bestehens, zwischen 1919 und 1939, im Semesterdurchschnitt 600 Studenten. Von der Währungsreform bis heute beträgt die Durchschnittszahl 1500. Der zweieinhalbfachen Zahl von Studierenden müßte, damit die Chancen erfolgreicher Arbeit die gleichen bleiben wie damals, mindestens eine verdoppelte Zahl von Dozenten und Vorlesungen entsprechen. Tatsächlich hat sich aber der Lehrkörper nur um die Hälfte vermehrt, und auch die Anzahl der angekündigten Vorlesungen ist nur die anderthalbfache. Dagegen müssen sich nun Professoren und Studenten in der Hälfte jenes Raumes einrichten, der ihnen früher – bis zu den Luftangriffen von 1943 – zur Verfügung stand. Rekorde nach oben dort, Rekorde nach unten hier. Es geht aufwärts, und je mehr es aufwärts geht, desto mehr geht es abwärts – mit der Intensität und Zuverlässigkeit der Arbeit, mit der Tradition der akademischen Bildung, mit der Funktion der Hochschule als „nährender Mutter“ (alma mater).

Die Ergebnisse der Statistik mögen für andere deutsche Universitäten und andere Fakultäten ein wenig variieren – im großen ganzen sieht es nirgendwo günstig aus. Überall herrscht eine Dauerkalamität, von der die Öffentlichkeit nur ungern Notiz nimmt, weil sonst das Bild des „Wiederaufstiegs“ getrübt würde. Das Land der akademischen Freiheit, in dem die Studenten und Professoren unserer Hochschulen lebten, ist ein verlorenes Paradies geworden, das allenfalls noch als unerreichbares Fernziel für Zukunftspläne beschworen wird. Denn wie soll ein Student sich frei in eine Wissenschaft einarbeiten, wenn er immer wieder die Arbeitsplätze in den Seminaren und Bibliotheken besetzt findet? Das ist die Freiheit der Karpfen im Bassin des Fischhändlers; sie können gerade eben noch atmen, aber nicht mehr schwimmen. Und wie soll der Professor Zeit für Forschungen haben, wenn er statt 60, wie früher, nun 150 Studenten anzuleiten und zu prüfen hat? (In den sogenannten „Schulfächern“ wie Germanistik und Anglistik sind die Zahlen noch grotesker angeschwollen, bis auf das Sechsfache!) Er ist zum Verwaltungsbeamten geworden, der daneben noch eine Art gehobener Oberstufenlehrer ist – die personale Einheit von Forscher und Hochschullehrer, dieser Stolz der deutschen Universitäten, scheint jedenfalls dahin zu sein.

Die Frage nach den Ursachen (zugleich die Schuldfrage) ist leicht beantwortet: die Zerstörungen durch den Krieg, die Abtrennung der ostdeutschen Hochschulen, der vermehrte Bedarf an Lehrern, dazu die Notwendigkeit, wissenschaftliche Unternehmungen fortzuführen, die die Berliner Akademie nicht mehr vollenden konnte (das Grimmsche Wörterbuch beispielsweise, den „Thesaurus“ der griechischen Sprache und viele große Editionen). Zu diesen inneren Behinderungen kommen äußere: es fehlt ein Bundeskultusministerium, das durch Gesetze die dringenden Reformen „auf Bundesebene“ durchsetzen und eine rationellere Organisation der wissenschaftlichen Unternehmungen erreichen könnte. Die Folge ist, daß jedes Bundesland nach jeweils anderen Vorstellungen verfährt und jeweils andere Maßnahmen für die dringlichsten hält, wodurch zwar die so oft gepriesene Vielfalt des deutschen Kulturlebens erhalten bleibt, aber auch die Unübersichtlichkeit und vor allem die Arbeitsüberlastung der Professoren immer mehr zunimmt.

Sehr viel schwieriger ist die Frage nach der möglichen Abhilfe zu beantworten. Hier aber ist die Richtung klar: Da die deutschen Hochschulen (mit Recht, wie wir glauben) entschlossen sind, an ihrer alten Struktur – der Vereinigung von Forschung und Lehre bei den Professoren, der Freiheit der Vorlesungswahl bei den Studenten – festzuhalten, und da andererseits mit einem Abschwellen des Zustroms von Studierenden ebensowenig zu rechnen ist wie mit dem Wunder eines Milliarden-Segens, der plötzlich die Errichtung der notwendigen Gebäude ermöglicht, kann eine Lösung nur erhofft werden, wenn man zwischen die leitenden Professoren (die Ordinarien und Seminardirektoren) und die Studenten möglichst viele, nach beiden Seiten entlastende Zwischenglieder einschaltet – Assistenten, Tutoren, Mentoren oder wie man sie nun nennen möge. Jedenfalls eine neue Schicht pädagogisch tüchtiger jüngerer Wissenschaftler, die sich hauptamtlich der Einführung der Studenten in die Arbeit widmen können. In England ist für je zehn Studenten ein solcher Tutor da. Deshalb können die Professoren dort auch Forscher sein ...C.E.L.