Rund 500 000 Kinder leben unter öffentlicher Aufsicht – Die Sisyphusarbeit der Jugendheime

Draußen dunkelt es. Die jungen Mädchen kommen zurück in das Jugendwohnheim. Ihr Tagewerk ist getan, in Lehr- und Arbeitsstellen und in der Schule. Da decken ein paar Mädchen den Abendbrottisch, andere hocken um das Radio, dort waschen einige ihre Strümpfe.

Die achtundsechzig Mädel, die hier wohnen, sind gern in diesem Hause. „Auch als meine Eltern noch lebten, hatten wir nicht so viel Spaß“, sagt eine. Alle sagen, daß es gut sei, in einem „Heim“ zu sein, wenn man keine Eltern mehr hat oder nicht beiihnen sein kann. „Jetzt haben wir ja bloß zwölf Mark Taschengeld monatlich, aber wenn wir erst richtig verdienen, wird es besser, und dann haben wir gelernt, zu sparen.“

„Von meinen Achtundsechzig sind nur sehr wenige nicht schwierig“, erklärte die Heimleiterin. „Schwierig“, das bedeutet gefährdet. Mehr als die Hälfte dieser Mädchen kommt aus geschiedenen Ehen, ein großer Teil sind Halbwaisen oder unehelich geboren. Wo die Eltern noch zusammenleben, kann man ihnen die Töchter nicht zur Erziehung überlassen. „Wenn ein Kind jahrelang schlechten Beispielen ausgesetzt ist, brauchen gute Beispiele lange Zeit, um zu wirken. Nur schwer begreifen das manchmal die Lehrherren und die Chefs, bei denen unsere Mädchen arbeiten, nur sehr schwer.“

Mädchen fügen sich leichter

Mädchen im Alter zwischen vierzehn und neunzehn fühlen sich leichter in einem Jugendwohnheim zu Hause als gleichaltrige Jungen. „Ich fürchte, nur wenige mögen hier gern sein“, meint nachdenklich ein Heimleiter, der 65 Jungen zu versorgen und zu bewachen hat. Sie sagen „Bitte“ und „Danke“. Das Heim ist gut eingerichtet, über das Essen gibt es keine Klagen. Die meisten Jungen arbeiten in Lehr- und Arbeitsstellen; sie gehen in Berufs-, einige auch in höhere Schulen. Regiert wird nicht mit Strenge und Strafen, sondern mit Liebe und Geduld. Es gibt Taschengeld, ja sogar Ausgang bis viertel nach Zehn. Dennoch: man spürt die abweisende Kühle bei den Jungen. Vielleicht sind sie aber auch nur linkisch.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, deren Erziehung der öffentlichen Fürsorge anheimfällt, und die Jugendkriminalität halten sich Jahr um Jahr auf annähernd gleicher Höhe. Das zeigt, daß für die in der Statistik sich spiegelnde Erziehungsnot nicht allein der Krieg und seine Folgen verantwortlich gemacht werden können. Vielmehr nimmt die Verwahrlosung der Jugend in dem Maße zu, wie das elterliche Verantwortungsbewußtsein abnimmt. Die Schrumpfung elterlicher Autorität aber ist die notwendige Folge der gelockerten Moralbegriffe: allzu viele Väter und Mütter verlassen sich auf den Staat, wenn sie selbst gegenüber ihren Kindern versagen.