Alle, denen das lyrische Werk Rudolf Hagelstanges am Herzen liegt, werden sein neues, bei R. Piper & Co. (München) erschienenes Prosabuch Es steht in unserer Macht – Gedachtes und Erlebtes – willkommen heißen, weil es in seiner persönlichen Sicht manches Wesentliche über den Autor selbst aussagt. Damit ist seine Bedeutung umrissen. Es zeigt uns einen Dichter, freilich ohne zu verheimlichen, daß dieser Dichter kein Denker ist.

Gewiß berührt es menschlich sympathisch, daß er „die Verantwortung des Intellektuellen in unserer Zeit sieht und für sich übernimmt“, daß er in die Arena steigt, um sich mit brennenden Zeitproblemen auseinanderzusetzen und uns vom Ethisch-Christlichen her an ihren Kern zu führen versucht, aber es gelingt ihm eigentlich nur, seine eigene subjektive Lösung zu finden.

Auf eine recht sinnfällige Weise wird diese Unzulänglichkeit schon im Sprachlichen offenbar. Seine Sprache ist zu weich, zu fließend schön, um die für die Durchschlagskraft eines Gedankens zuweilen notwendige nüchterne Härte aufzubringen. Und so gerät er eben dort, wo das Wort abrupt oder geschliffen scharf zustoßen müßte, in einen hymnischen Schwung, der ihn nicht ins Ziel, sondern über das Ziel hinwegträgt. Schopenhauer fordert in seinen Aphorismen, daß ein Mensch, damit man ihm glaube, nüchtern und leidenschaftslos sprechen müsse. Hagelstange ist viel zu gefühlvoll und leidenschaftlich. Sonst wäre er wohl auch nicht der Lyriker, der er ist.

In seinem schönen „Bekenntnis zu Goethe“ gelangt er trotz einiger gehaltvoller Gedanken kaum über den Charakter einer guten Festrede hinaus, und in seiner „Reise nach Europa“ vermeint man gar in ein und der anderen wohllautenden Wendung den Federkiel des alten Herrn aus Weimar beschaulich kratzen zu hören. („Ich überließ mich der freundlichsten Fürsorge, ruhte mich ein wenig und begann dann ...“) An anderer Stelle seiner Betrachtungen wiederum, wie etwa in den Randbemerkungen zu einer „Dichter-Biennale“, wirkt er zuweilen ein wenig selbstgefällig literarisierend.

Aber das Buch hat auch gute und starke Stellen. Sie kommen aus der Persönlichkeit des Dichters. Überall dort, wo ihn in Mensch oder Natur ein Erlebnis anrührt, stellt sich ein magischer Kontakt ein. Dann bietet sich Hagelstanges Sprache mit weicher, schöner Geschmeidigkeit. Wie intim in seiner anspruchslosen Verhaltenheit ist doch zum Beispiel „Ein Gedicht entsteht“, wie zauberhaft die kleine Episode „Der törichte Vater“; voll geheimer Melodie aus einem Stückchen alltäglichsten Lebens geschöpft. Oder die feine Ironie in der Satire „Über die Schwierigkeit, am Bodensee zu dichten“; nicht zu vergessen, den autobiographischen Schluß.

So findet sich manches Schöne und Lesenswerte in diesem Buch; es ist zudem in einer sinnhaften Weise deutsch, über die wir uns freuen dürfen, aber es bleibt ein Zwitter aus Gedachtem und Erlebtem. Darum ist es schade. – Aber Universalität ist nun einmal keinem unter uns Heutigen mehr gegeben. Dem Lyriker Hagelstange wollen wir jederzeit und gern in sein kleines Zauberreich folgen. Aber er sollte bedenken, daß, wer auserwählt ist, die Flöte der Lyrik zu spielen, füglich den Posaunenton der Prosa meiden muß. Günther Thaer