Der Bundesfamilienminister, der seinem Ressort und seinem sittlichen Standort entsprechend zu streng zu moralischen Begriffen neigt, kam in den – wie sich später herausstellte – unzutreffenden Verdacht, er hätte an der halbnackten Europa auf unseren Fünfmarkscheinen Anstoß genommen. Aber es war nicht er, wie sich jetzt herausstellt, sondern es waren andere Leute, Bürger des Landes Rheinland-Pfalz, die sich in ihrem sittlichen Empfinden durch den Anblick der, wie uns vorkommt, sehr gelassen, beinahe desinteressiert auf dem Stier sitzenden Europa wegen der bereits erwähnten mangelhaften Bekleidung verletzt fühlten.

Diese Moralisten, von denen man nur wünschen kann, daß sie in allen Situationen des Gefühlsbereiches den gleichen strengen Maßstab behalten möchten, halfen dem vermeintlichen öffentlichen Ärgernis dadurch ab, daß sie die der Überlieferung entsprechend unbekleideten Stellen der Europa; mit dem Bleistift übermalten. Ob das den göttlichen Stier Europens in Zorn gebracht hat, wissen wir nicht! Aber der Amtsschimmel wieherte indigniert.

Man hört, daß es eine Verfügung in Rheinland-Pfalz gegeben habe – und Herr Dr. Wuermeling hatte sogar eine Abschrift von ihr in Händen –, daß solche übermalten, mit anderen Worten: beschädigten Fünfmarkscheine an den öffentlichen Zahlstellen nur zum Wert von 4 D-Mark entgegengenommen werden dürften. Dagegen wandte sich Dr. Wuermeling. In einer gedruckten Anfrage, die im Landtag von Rheinland-Pfalz vorgebracht wurde, verlangte er zu wissen, was man denn zu tun gedenke, die „Währungsgleichheit im Bundesgebiet wieder herzustellen“.

Allein die Nachsicht für die sittlich entrüsteten Marknoten-Bemaler, die hinter dem Humor dieser Formulierung hervorguckt, gab wohl Anlaß zu dem Mißverständnis, daß der jetzige Familienminister jene Entrüstung teile und unterstütze. S.