Von Martin Rabe

Da gibt es in der deutschen Literatur ein Buch, ein Sammelsurium, wie der Verfasser es nennt, „Von Gott und der Welt“, das diejenigen, welche es gelesen haben, regelmäßig zu einem fröhlichen Gespräch verführt, wenn einer auch nur den Titel erwähnt. Man beginnt sich gegenseitig seiner genauen Kenntnis zu rühmen und versucht einander zu übertrumpfen, so wie es Feinschmecker tun, wenn sie von den besten Weinen erzählen, die sie in ihrem Leben getrunken haben. Luxemburger Traktat, sagt der eine, die Geschichten um Eugen ein anderer, die Oxforder Memorabilien, ruft ein dritter, Fußnote zu einem Hahnenschrei! Und jeder kann damit rechnen, daß die anderen ihm zustimmen und ebenso genießerisch schmunzeln wie er selber. Peter Gau bat sich der Dichter genannt, der dieses Buch in die Welt gesetzt hat. Er stammt aus Hamburg, und eigentlich heißt er Richard Möring. Außer dem erwähnten Prosaband gibt es von ihm noch zwei Gedichtbände: „Die Windrose“ und „Die Holunderflöte“. Im vorigen Jahr erhielt er in München den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Industrie. Am 4. Februar wird er sechzig Jahre alt.

Peter Gan ist eine in Deutschland einzigartige Erscheinung, weil er als Dichter Grazie und Tiefe verbindet, eine Eigenschaft, die bei uns ganz ungewöhnlich, ist, vor allem, wenn sie wie hier in ihrer Beschaulichkeit wohl von Melancholie, Ironie und Humor begleitet wird, aber keinen Hang zur Satire und Bitterkeit aufweist. Da heißt es in „Von Gott und der Welt“, in einem lyrischen Kommentar zu Kinderzeichnungen, von einem kleinen Jungen, der angesichts einiger weißer Wolken, die durch den Himmel schwimmen, plötzlich erzählt, er habe zwei Engel sich küssen sehen und genau beschreibt, wie sie aussehen: „Der kleine Demiurg sah, was er dachte, da Denken und Sehen noch ungetrennt in ihm waren. Er besaß auf seine kleine Weise ein Stückchen von jenem erhaben anschauenden Verstande“, unter dessen Bilde der alte Kant seine tiefsten Einsichten sehr vorsichtig und sehr ironisch ausgesprochen hat, und den er uns als einen ,,güttlichen‘ schlechterdings abspricht. Ich möchte vermuten, daß er, hätte er nur ein wenig mehr Sinn und Zeit für Kinder übrig gehabt, denselben als halben Engeln gerne vorübergehend etwas von dieser erhabenen Fähigkeit eingeräumt haben würde.“ Hier finden wir typische Elemente seiner Dichtkunst: Die Zartheit, mit der er die Welt betrachtet und aus der seine Nachsicht entspringt, der schnelle Übergang zur tiefen Deutung, das Anrühren an das Göttliche und die lächelnde Weisheit, mit der er den großen Kant verehrungsvoll mit der kindlichen Mentalität verbindet. Graziöser kann man dies gewiß nicht vollbringen.

Er kann auch sehr skurril werden, ohne dabei im geringsten an Tiefe zu verlieren. So lautet das Kapitel 11 vom Raben Aak, das die Überschrift „Ein Mißgriff trägt: „Das Leben, dieses von Selbstverständlichkeit und Unergründlichkeit gleichermaßen überströmende Zauberwort, dies ewige Kreuz-Wort – Rosen-Rätsel und wahre Charivaricharade; dieser Abgrund, der seine eigene Brücke schlägt und (Cäsar, Würfel, Rubikon in einem) fortwährend hinter sich abbricht; diese Unendlichkeit aus Kleinigkeit (oder umgekehrt, je nachdem wir den Krimstecher mit der großen oder der kleinen Linse auf die Oper richten): diese indische Calta, die aus ihren eigenen Früchten Blüten treibt zu neuen Früchten und Blüten, dieser Höllen-Himmel (oder umgekehrt, je nachdem wir...); diese fragende Antwort und umgekehrt; kurz, dieses Meer und dieser Generalnenner, dessen Wellen und Brüche wir Kreaturen sind; dieses..., aber ich weiß durchaus nicht mehr, was ich sagen wollte und fange daher mein Kapitel noch einmal an.“

Das ist ein Spiel mit sich selbst. Es gibt auch eines, das er scheinbar mit anderen spielt. In der „Fußnote zu einem Hahnenschrei“ stehen folgende Sätze: „Überall begegne der Dichter dem Weisen mit ehrfürchtiger Vorsicht! Des Dichter, Amt ist es, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Die Philosophen aber reden hinter dem Rücken der Dinge, und dafür rächen sich die Dinge und geschehen hinter dem Rücken der Philosophen. Mit dieser Ermahnung (wem gilt sie?) beschließen wir, nicht ohne Willkür, unseren Traktat.“

Wem gilt sie? Ihm selber natürlich. Denn er liebt die Philosophie und zieht dank seiner Skepsis viel Weisheit aus ihr. Überwiegt in seiner frühen Prosa die Lust am Fabulieren –, und wie voll eines einmaligen Humors sind die Geschichten um Eugen –, so werden die späteren Erzählungen und Traktate immer nachdenklicher, sie sind stärker mit Reflektionen durchsetzt, doch ohne dabei etwas von der Grazie zu verlieren, die das besondere Kennzeichen seines Stiles ist.

Bei den Gedichten tritt der philosophische Gehalt stärker in Erscheinung. Peter Gan liebt es, mit Antithesen spielen und sie dann in einer Einheit, die immer die Einheit Gottes ist, aufzulösen.