nj. Lindau

Gibt es etwas Heiligeres als die Grenze? Millionen Menschen sind um nichts anderes als um sie gestorben. Dennoch haben wir jetzt am Bodensee einen Zug, der dieses Tabus spottet: Jeder kann in Lindau an einen Schalter gehn und eine Karte für ihn lösen, der ein oder zweimal im Monat geht. 600 Reisende steigen in ihn ein und dann läuft er, wie in einem närrischen Blindekuhspiel, an den österreichischen Zollämtern vorbei, durchs Land durch, jenseits bei St. Margarethen wieder über die Schweizer Grenze hinaus. Ein paar Stunden später wiederholt sich dasselbe in umgedrehter Richtung. Doch war er leer hergefahren, zurück eilt er, bis in die letzte Tasche gefüllt, und die österreichischen Finanzer schauen ihm mit langen Hälsen nach.

Alle Leute, die am Bodensee weniger als 15 km vom See wohnen, dürfen infolge einer mystischen Leistung einmal im Monat Gewisses in die Schweiz einkaufen gehen, das sie auf eine eigens dazu ausgestellte „Grenzkarte“ zur Kontrolle eintragen lassen müssen und zollfrei über die Grenze mitnehmen dürfen. Da jedoch Österreich mit seinem Zoll dazwischen liegt, wäre die Gunst illosorisch. Darum hat die Bundesbahn den „Kaffeezug“ erfunden. Die Österreicher haben großzügig zugestimmt, daß er bei ihnen durchfahren darf, ohne zu halten oder kontrolliert zu werden.

So trägt er jeden Monat mit 600 Fahrgästen ein oder zweimal 600 halbe Pfund Kaffee, 600 Fünftelpfund Tee, 600 Packungen Zigaretten zu 25 Stück, 600 Tafeln Schokolade an den langen Hälsen der österreichischen und, was in den Taschen sich geheimhält, an den Argusaugen der deutschen Zollbeamten vorbei. Wer sich mit seiner Zoll-Ehrlichkeit zufrieden gibt, macht in der Schweiz Einkäufe für 6,50 DM, einschließlich des Fahrgeldes, für die er in Deutschland 13 DM zahlen würde. Daß die Schweizer Bundesbahn das Geld im Zug spesenlos wechselt, während die Lindauer Banken erstaunliche Spesen anrechnen, ist, neben der Bequemlichkeit, ein liebenswürdiger kleiner Beitrag der Eidgenossenschaft an dem bescheidenen Geschäft, zu dem die Begünstigten der Grenzzone einmal im Monat in St. Margarethen Gelegenheit haben. Wieviel Bedeutung aber immer noch die Summe der kleinen Käufe bei Gelegenheit von Reisen in die Schweiz hat, verrät die Tatsache, daß der Schweizer Handel den Lindauer Reiseunternehmen bemusterte Kaffeeangebote macht, damit sie ihre Reiseteilnehmer bei Einkäufen unterwegs beraten können.