New York, Ende Januar

Zwölf Stunden lang waren „ganz New York“ und wohl auch große Teile der übrigen USA in fieberhafter Aufregung. Das Radio hatte mitgeteilt, daß Ernest Hemingway mit seiner Frau im Flugzeug in Afrika, nahe dem Viktoriasee, abgestürzt sei. Sein Tod galt für sehr wahrscheinlich, wenn auch noch nicht für völlig sicher. Immerhin hielt eine besonders eifrige Sendestation am Sonntag, dem 24. Januar, abends bereits eine Totenfeier für Amerikas hervorragendsten Erzähler ab.

Das Allererregendste an dieser Meldung aber war, daß sich das Unglück angesichts des höchsten afrikanischen Berges, des Kilimandscharo, zugetragen hatte. Und Hemingways großartige Novelle heißt „Der Schnee vom Kilimandscharo“ – und schildert, wie ein Schriftsteller angesichts dieses riesigen Schneeberges stirbt.

In dieser Dichtung fliegt die Seele des scheidenden Meisters so vieler ungetaner Werke hinein in den ewigen Schnee des Kilimandscharo – ein wirklich großartiger tragischer Abschluß. Und zu denken, daß sich eben dieses Schicksal jetzt an dem Schöpfer jener Dichtung erfüllt habe, das war ein unheimlicher, ein sehr erschütternder Gedanke, der denn auch gründlich ausgekostet wurde. (Es hätten sich übrigens in jedem Falle die Parallelen finden lassen, Wäre der Dichter schiffbrüchig geworden lest „Der alte Mann und das Meer“. Hätte ein Stier ihn angegriffen, Jesu „Fiesta“; hätte ein Löwe ihn angesprungen, lest: „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber.“ Kurz: Was immer einen Men– schen in Lebensgefahr bringen kann –: Hemingway hat es beschrieben.)

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Aber als man am nächsten Morgen aufwachte, geschah ein heftiges Telefonieren in ganz New York, und einer teilte es dem andern mit: Hemingway lebt! Ja, sein Flugzeug war abgestürzt, es saß in Baumwipfeln, aber die Insassen sind heil herausgeklettert. Und später hörte man mehr. Hemingway, der keineswegs zum ersten Male das tiefe Afrika durchquert und der keineswegs zum erstenmal Unfälle gefährlichster Art durchsteht, hat hintereinander zwei Flugzeugunfälle gehabt. Auch beim zweiten Unfall kamen alle Insassen glücklich heraus. Das klingt wie „dick aufgetragen“, wie eine der heftigen Übertreibungen dieses Epikers Hemingway. Aber dieser riesige Mensch erlebt tatsächlich solche Dinge. Seine Kraftäußerungen, die schwächer Gebauten so leicht auf die Nerven gehen, sind echt. Er hat es nicht im mindesten nötig, zu „renommieren“. Allenfalls kann man sagen, dieser ganze Hemingway ist eine Übertreibung des lieben Gottes.

Julius Bab