Von den vielen Wanderausstellungen, die uns in den letzten Jahren aus anderen Ländern besucht haben, ist die Kollektion humoristischer Zeichnungen des jungen Amerikaners Saul Steinberg (jetzt im Dortmunder Museum) bestimmt eine der amüsantesten. Das Geheimnis des internationalen Erfolgs, den Steinberg rasch einheimsen konnte, ist wohl darin zu suchen, daß er überall verständlich ist; er braucht keine erläuternde Einführung und keinen Kommentar zu seinen Witzen. Die Pointe liegt in der Zeichnung und nicht in der Unterschrift. Man muß nicht in New York gewesen sein, um zu verstehen, was er über New York mitteilt.

Saul Steinberg ist ein Phänomen des Erfolgs. 1941 wurde er in Ramnicul Sarat bei Bukarest geboren. Sein Vater war Fabrikant von Pappschachteln, woraus man seine Vorliebe für unstabile große Volumina ableiten könnte. Zuerst studierte er in Bukarest Philosophie und Literatur, ging aber 1932 nach Mailand, um ein Architekturstudium zu beginnen. Obwohl er sein Abschlußexamen gemacht hat, errichtete der „Architekt“ Steinberg nur Luftschlösser auf dem Papier. Noch während seines Studiums wurde er Mitarbeiter der humoristischen Zeitschrift „Bartoldo“. Als er 1941 in die USA auswanderte, engagierte ihn „The New Yorker“, für den er seither zeichnet. Ausstellungen im Museum of Modern Art zu New York, in Chikago, Rom, London, Sao Paulo und Paris, sowie die zugkräftigen Bilderbücher „All in Line“ und „The Art of Living“ haben ihn berühmt gemacht. Übrigens hat Steinberg auch schon „monumental“ gemalt, und zwar im Terrace Plaza Hotel von Cincinnati, wo auch Joan Mirò eine Wanddekoration geschaffen hat.

Neben dem psychologischen Scharfblick, dem Mut zum Unmöglichen, der kalligraphisch sicheren Hand und dem surrealistischen Bildwitz, besitzt er vor allem ein gewisses Geschick, sich die Errungenschaften der modernen Kunst zunutze zu machen. Bei weniger Begabten könnte daraus eine Pastiche werden. Bei Steinberg merkt man jedoch die Absicht, und darum ist man nicht verstimmt.

Pferde zeichnet er offenbar gern. Als „Gesellschaftsattribute“ macht er sich über sie lustig. Aber er liebt sie als zierliche Filigrane und als Spiegelbilder ihrer Reiter, deren Profile an die hakennasigen Charakterköpfe Daumiers erinnern. Wenn man diese Zeichnungen nur als Formen nimmt, dann kommt der futuristische Pferdefuß zum Vorschein. Für einen in Mailand ausgebildeten Künstler liegt diese Verbindung nicht allzuweit weg. Boccionis „Muskel in Bewegung“ zuckt zweifellos in Steinbergs stolzierenden Pferdekonstruktionen nach. Italien ist aber auch gegenständlich nahe. Mit liebenswürdigem, aber nicht verletzendem Spott schildert er das Gewühl in den hohen Glasgalerien von Mailand und Neapel oder das Gewimmel von Männlein und gestikulierenden Händen zwischen fetten Tauben auf dem Markusplatz. Keine kulturkritische Studie könnte überdies enthüllender sein als seine „Oper“: eine Ruhmeshallenfassade mit unzähligen Komponistennamen und allegorischer Verbrämung, davor ein überfüllter Parkplatz... Das Thema Eisenbahn hat ihn auch wiederholt fasziniert. Er hat Bahnhöfe gezeichnet, die in ihrer sinnlosen Verschachtelung kubistische Aspekte haben und die Bahnhofskunst ad absurdum führen. Grotesk auch die schwere, im plastischen Stil Lagers aquarellierte Lokomotive auf der schwindelnd hohen, dünngliedrigen Brücke, deren Pseudokonstruktion von Klee inspiriert zu sein scheint.

Steinberg schlachtet unbekümmert und frei von Heldenverehrung alles aus, was ihm unter den Griffel gerät. Bombastische Cowboys sind für ihn Anhäufungen von Sattelzeug und Trommelrevolvern, Damen in New York nur Pelze, und die Technik ist ihm Anlaß, ihren Drang zur Perfektion in die Donquichotterie zu übertreiben. Bahnhofslabyrinthe, geschwollene Autos, Paraden von Beinen, Emblemen und Stempeln, Türkische Interieurs, Musiker auf Notenpapier, kopflose Kostüme, Lebedamen im Prunk des fin-de-siecle –, das sind einige Tummelplätze seiner sarkastischen und überschäumenden Phantasie. Die tollsten Produkte sind aber jene „Diplome“, „Faksimile“ und die „Unabhängigkeitserklärung“, die mit verschnörkelten Unterschriften, Siegeln und Beglaubigungen reiner Selbstzweck sind. Das heißt: in den Urkunden steht ganz schlicht und unauffällig – nichts. Steinbergs Feder, die im Grunde ja die schiefen Situationen, das Mißglückte, Überholte, Unbalancierte und Fassadenhafte „verherrlicht“, hat in diesen „Dokumenten“ die Quintessenz aller Verrücktheiten abstrahiert. Tr.