Von Karl Willy Beer

Berlin, Anfang Februar

Nun wehen Unter den Linden mindestens eine Woche lang neben der roten Fahne, die dort seit 1945 als Alleinherrscherin in vielen Exemplaren regierte, auch das Sternenbanner, der Union Jack und die Trikolore. Drinnen, im Kolossalbau der Sowjetbotschaft, aber herrscht nicht die Nüchternheit der ersten Verhandlungswoche, jene sachliche Atmosphäre des Gerichtsgebäudes an der Potsdamer Straße. In der Sowjetbotschaft blinkt rosaroter Marmor, schwingen sich schlanke Säulen zur Decke, hängen schwere Lüster vom Plafond und funkeln viele Meter hohe Spiegel von den damastbezogenen Wänden. Ein riesiges Glasgemälde zeigt den Kreml, und im zwanzig Meter hohen Kuppelsaal, durch den der Gang zum Konferenzraum führt, sind Lenins und Stalins Marmorbüsten die steinernen Gastgeber.

Die in dicke Pelze gehüllten Vopos, die in diesen Tagen rings um die Sowjetbotschaft mit freundlicher Geste Dienst tun, waren noch nie ins Innere dieses steinernen Monuments üppiger Repräsentation vorgedrungen. Ein anderes Gebäude, das auch von der Sowjetbotschaft aus zu erreichen ist, das Haus des „Nationalrats des demokratischen Deutschland“ am früheren Wilhelmplatz, der heute Thälmannplatz heißt, ist freilich nicht so streng gehütet worden. Man kannte es zuerst als sowjetzonales Propagandaministerium, solange Eisler fungierte, danach als ein mit Transparenten, Plakaten, Bildern, Zitaten, Aufrufen vollgepropftes Zentrum der politischen Propaganda. Aber Gäste, die früher dort aus- und eingingen, würden das Haus nicht wiedererkennen, wenn sie jetzt über teppichschwere Gänge und über die mächtige Freitreppe hinaufschritten. Dort aber sind nun, ungemein höflich bewillkommnet, die westlichen Journalisten zu Gast. Und es ist wahr, daß sich diese östliche Pressezentrale weitaus behaglicher, einladender, freundlicher präsentiert als der kalte Kachelbau jenes Hochhauses in Westberlin, in dem sich auf engen Treppen die Zeitungsleute drängen. Am Thälmannplatz dagegen wird der arbeitende Journalist, besonders der, der keine SED-Abzeichen trägt, fürsorglich umworben. Klubsessel stehen in allen Hallen und Fluren bereit; Flieder blüht auf Tischen und Fensterbänken; Wodka-Bars sind eingerichtet.

Der etwas stämmige Pressechef des sowjetischen Außenministeriums, Iljitschew, ehemaliger Chefredakteur der Prawda, hat allabendlich das Ohr von ein paar hundert Journalisten, die mit Vergnügen bemerken, wie von Mal zu Mal mehr die Moskauer Gepflogenheit des Zugeknöpftseins dem Bedürfnis nach Information geopfert wird.

Iljitschew, das ZK-Mitglied der KPSU, ging noch weiter: er lud gute dreißig westliche Journalisten ein. Aber nur Kingsbury Smith und Shapiro, Reginald Parker und Clark sowie drei westdeutsche Zeitungsleute trafen sich daraufhin mit fünfzig Ostblock-Journalisten zu einer Cocktailparty, die sich nicht von jenen Zusammenkünften unterschied, wie sie überall in westlichen Breiten Usus sind. Keine penetranten „Friedensgespräche“, keine aufdringliche Werbung. Es gab unbekümmerte Unterhaltungen darüber, wie die Konferenz ausgehen könne.

Dabei war Iljitschew von der ersten Konferenzwoche sichtlich mitgenommen. „Auch ich fühle mich nicht ganz wohl“, sagte er seinem westlichen Gast, der ihn nach Gromykos leichter Erkrankung fragte, „aber ebenso wie Gromyko bin ich keineswegs politisch, sondern nur physisch strapaziert.“ Das Tempo der Viererkonferenz, so gaben einige der jungen sowjetischen Diplomaten zu, die Iljitschew in das vornehme, villenartige Gästehaus am Thälmannplatz mitgebracht hatte, macht ihnen allen zu schaffen. Mit kulinarischen Üppigkeiten, wie sie sonst bei sowjetischen Gastereien manchmal üblich sind, wurden die westlichen Gäste nicht gerade überschüttet. Es gab Wodka, Martini, ferner guten Mosel- und Rheinwein; am kalten Büfett in der Saalmitte stand Kaviar bereit und wurde sparsam verteilt – offensichtlich legte man auf dezente Kordialität Wert. Die deutschen Ost-Journalisten, die weit in der Überzahl waren, suchten mehr den Kontakt mit ihren kommunistischen Kollegen aus Polen und Ungarn, Rumänien und Bulgarien als mit den Amerikanern, Franzosen, Engländern, Finnen und Indern, um die sich Iljitschew und seine Helfer dann um so liebenswürdiger bemühten. Die Sonderkorrespondenten aus England schienen dabei die regsten Gesprächspartner der sowjetischen Beamten zu sein, wobei der Gesprächsstoff nicht so sehr der Eden-Plan als der – Ost-West-Handel war. Man war freundlich zueinander, und das Wort von der „guten Atmosphäre“ ist an diesem Abend auch in russischer Sprache immer wieder ausgesprochen worden.