Politik ist nicht unsere Aufgabe. Wir wünschen nichts zu sagen, was die Verbitterung zwischen den Völkern schüren könnte.“ Pater Fabian Damm, Missionar vom Orden des Heiligen Benedikt, war noch vor drei Wochen Gefangener der Bolschewiken in Nordkorea. Der Bericht, den er in dem schlichten Besuchszimmer der Erzabtei St. Ottilien in Bayern gab, war zurückhaltend, ohne Haß oder Anklage.

Hier von St. Ottilien aus, dem Mutterhaus der Kongregation, die in einem halben Jahrhundert 200 000 Menschen dem Christentum gewann, ging Pater Fabian vor 25 Jahren als junger Priester nach Korea. Die französische Mission Etrangère hatte den Orden 1909 nach Seoul gerufen; 1921 hatten die Benediktiner in der nördlichen Provinz Hamkyong Nampukdo die Abtei Tokwon errichten dürfen. Ein Priesterseminar war dort entstanden, eine Handwerkerschule, um der konfuzianischen Verachtung manueller Arbeit entgegenzuwirken; ein Krankenhaus wurde gegründet, eine Druckerei, und zwölf Missionsstationen entstanden rings in der Provinz mit Schulen und Spitälern. Pater Fabian lernte die Sprache, dann übernahm er die Pfarrei Wonsan. Als er 1930 hinkam, waren unter den 40 000 Bewohnern dieser Stadt tausend Christen; als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, waren es 2700.

Bald herrschte in Nordkorea das kommunistische Regime. In der Theorie gab es Religionsfreiheit, aber diese Zusicherung bedeutete auch hier nicht mehr als in anderen bolschewistischen Ländern. Schikanen begannen, dann setzten Verhaftungen ein. Als ersten holten die Kommunisten im Dezember 1948 den Pater Cellerar. „Zu einer kleinen Besprechung“, wie die Polizei freundlich sagte. Aber die Brüder haben ihn nie wiedergesehen. Am 8. Mai 1949 wurde der Leiter der Mission, Bischof Bonifatius Saur, verhaftet, dazu der Prior, der Subprior, der Arzt, der Philosophieprofessor und zwei weitere Patres. Was man ihnen vorwarf? Einer habe sich gegen den Kommunismus geäußert, ein anderer habe seine Kamera behalten, ein dritter eine Vorladung versäumt, und was dergleichen „Verbrechen“ mehr sind. Bischof Saur ist inzwischen ums Leben gekommen; das Schicksal der übrigen liegt im dunkeln.

Am 9. Mai wurde das Kloster nachts umzingelt. In verhängten Wagen brachte man die Patres ins Gefängnis der Hauptstadt Pyoengyang. „Wir waren achtzehn in einer Zelle, 3,20 Meter lang, 2,30 Meter breit“, sagt Pater Fabian. Auch die Schwestern kamen dorthin, die einheimischen Laienbrüder entließ man. Einige haben sich vielleicht nach dem Süden durchgeschlagen. Als der Koreakrieg ausbrach, wurden 47 Patres und Brüder und 20 Schwestern in das kleine, von Koreanern geräumte Dorf Tjontschon in den Bergen transportiert. Hier mußten sie ihre Häuser bauen und im niedergebrannten Busch in harter Arbeit ein steiniges Stück Land bestellen. „Aber man ließ uns nicht, was wir ernteten; die Polizei nahm es, und wir bekamen 600 Gramm Hirse, Mais und Sojabohnen täglich, sonst nichts, bei Krankheit die Hälfte.“ Kein Wunder, daß die Hungerödeme nicht lange auf sich warten ließen. Dann kam bei manchem die „schleichende Krankheit“, Wasser im Gesicht, in den Schenkeln, im Leib. Zwölf Brüder und zwei Schwestern erlagen den Entbehrungen.

Im November 1953 geschah die Wendung. Ein Oberstleutnant kam, ein Beauftragter der Regierung, sich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Sie seien nur während des Krieges interniert gewesen, betonte er (obwohl man sie bereits ein Jahr vor dem Ausbruch verhaftet hatte). Immerhin veranlaßte er, daß sie in ein ordentliches Lager, Sunanli bei Pyoengyang, kamen. Das Essen wurde gut und reichlich; man gab ihnen neue Kleider. Sie wurden höflich als „ausländische Gäste“ behandelt; Zeitungen – sogar Blätter der deutschen Sowjetzone – lagen bereit, und als man meinte, sie hätten sich genügend erholt, durften die Patres am 8. Januar die Heimreise antreten: in funkelnagelneuen Schlafwagen, die vermutlich aus Mitteldeutschland stammten.

Werden die Christen in Nordkorea sich halten, ohne Priester, ohne Gottesdienst, verfolgt von einem feindlichen Regime? Pater Fabian zweifelt keinen Augenblick daran. „Korea hat eine christliche Geschichte. Es ist wohl das einzige Land in Asien“, sagt er, „welches das Christentum aus eigenem an sich gezogen hat. Korea ist unsere zweite Heimat. Die Menschen weinten, als wir fort mußten; wir wissen: sie warten auf uns.“ v. Z.